2. Der Bischof von Rom als Petrus-Nachfolger

 

Wir kommen zu der zweiten Frage: Wer ist der Nachfolger des Petrus? im Glaubensverständnis der katholischen Kirche ist der Bischof von Rom der Nach­folger des Petrus. So schließt sich sogleich die Frage an, warum es gerade der Bischof von Rom ist. Am ein­leuchtendsten scheint die Antwort zu sein; Weil Pe­trus selbst in Rom war und dort den Martyrertod erlit­ten hat.

Diese Anwort führt zur Teilfrage, ob Petrus wirklich in Rom war und warum er eventuell in Rom war. Die Tatsache der Anwesenheit des Apostels Petrus in Rom wird zwar heute von nicht wenigen evangeli­schen Theologen angenommen, aber auf der anderen Seite nach wie vor heftig bestritten. Was die Argu­mente für den römischen Aufenthalt des Petrus be­trifft, so ist zunächst zu betonen, daß Petrus nach

 

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dem Zeugnis der Apostelgeschichte (12,17) sich nach seiner wunderbaren Befreiung aus dem Gefängnis an einen »anderen« Ort begeben hat. Der Ort selbst wird nicht genannt. Wie wir schon einmal gesehen haben, erscheint Petrus einmal in Antiochien, um sich hierfür längere Zeit aufzuhalten. Wir wissen sowohl aus der Apostelgeschichte als auch aus dem Galaterbrief (2,11.14), daß er für die Judenmission wirkte. Diese Beschränkung auf die Mission unter den Juden darf man allerdings nicht allzu eng fassen. Je mehr sich die Wirksamkeit des Petrus über Palästina hinaus nach Syrien und vielleicht bis nach Kleinasien und noch wei­ter ausdehnte, um so mehr wurde es für ihn unmög­lich, sich bloß den Juden und nicht auch den Heiden zuzuwenden. In der Tat war es ja Petrus, welcher als erster einen Heiden in die messianische Heilsgemeinde aufgenommen hat (Apg 10).

Daß Petrus auch nach Rom kam und dort unter Ne-ro den Martyrertod starb, läßt sich durch folgende Be­obachtungen begründen. Man verweist vielfach auf den Schluß des ersten Petrusbriefes (5,13). Dort heißt es: »Es grüßt euch die mitauserwählte Gemeinde in Babylon.« Der Brief ist also aus »Babylon« abgesandt. Mit diesem Ausdruck kann nur Rom gemeint sein. Er kann nur als symbolischer Deckname für diese Stadt verstanden werden (vgl. z.B. Offb 14,8; 16,9; 17,5.18; 18,2.10.21; 19,2). Die Beweiskraft der Stelle wird indes dadurch fraglich, daß die Verfasserschaft des Petrus weithin abgelehnt oder in Zweifei gezogen wird (siehe K. H. Schelkle, Die Petrusbriefe, Freiburg 1961).

Zeugnisse für den Aufenthalt des Apostels Petrus in Rom bieten uns Ignatius von Antiochien, Dionysius von Korinth, der römische Priester Gaius sowie Eire­naios. Als Ignatius von Antiochien sich auf der Fahrt

 

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nach Rom zum Martyrium befand, ließ er an seine rö­mischen Glaubensbrüder einen Brief vorausgehen, in welchem es heißt (Röm 4,3: »Nicht wie Petrus und Paulus erteile ich euch Anweisungen. Denn jene wa­ren Apostel. Ich aber bin ein Verurteilter. Jene waren Freie, ich aber bin bis jetzt Sklave.« Nach Dionysius von Korinth, von dessen Schreiben an die römische Gemeinde der Kirchenhistoriker Eusebius einige Ab­schnitte erhalten hat, haben die beiden Apostel Petrus und Paulus in Italien gelehrt und dort zusammen das Martyrium erlitten. Der römische Presbyter Gaius sagt nach dem Berichte des Kirchenhistorikers Eusebius: »Ich kann die Trophäen der Apostel vorweisen. Denn magst du an den Vatikanischen Hügel gehen oder auf die Straße nach Ostia, so wirst du die Trophäen derer sehen, die diese Kirche gegründet haben.« Unter den Trophäen sind die über den Gräbern errichteten Denk­mäler zu verstehen. Nach Eirenaios, welcher von Klein­­asien kam, sich dann nach Rom begab und Bischof von Lyon wurde, also Zeuge für die in der ganzen Kirche verbreitete Tradition ist, haben die »beiden ruhmrei­chen Apostel Petrus und Paulus« die römische Kirche eingerichtet. Für die Anwesenheit des Apostels Petrus in Rom sprechen auch die Resultate der Ausgrabun­gen bei San Sebastiane an der Via Appia und auch je­ne unter der Peterskirche. So gibt es zwar für den rö­mischen Aufenthalt des Pe­trus keine zwingenden, aber triftige, durch Einwän­de nicht zu erschütternde geschichtliche Belege.

Warum Petrus nach Rom gegangen ist, ist eine an­dere Frage. Lag ein zwar in der Schrift nicht bezeug­ter, aber dennoch vorhandener Auftrag Jesu vor oder eine besondere Erleuchtung des Heiligen Geistes, also eine Offenbarung, oder die rein menschliche Einsicht von der Bedeutung der römischen Hauptstadt für die

 

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Verbreitung des Chistentums? Die beiden letzten Ele­mente könnten sich zur Einheit verbinden, insofern die Wirksamkeit des Gottesgeistes innerhalb der apostoli­schen Zeit zu dem Offenbarungsvorgang selbst zu rechnen ist und sich der Geist Gottes der natürlichen Gegebenheit bedienen kann.

Die Antwort auf unsere Frage ist deshalb bedeu­tungsvoll, weil sie auf den von Christus gesandten und Petrus endgültig als das Oberhaupt der Apostel konsti­tuierenden Geist zurückgeht. Ohne Zweifel hat sich Rom infolge seiner Bedeutung als Hauptstadt des da­maligen römischen Imperiums und auch infoige seiner Anziehungskraft für die vielen religiösen Bewegungen jener Zeit als besonders günstiges Zentrum für die Ver­breitung des Christentums empfohlen. Wir können die Schätzung, deren sich Rom erfreut hat, auch aus dem Schreiben des Apostels Paulus an die Römer erken­nen. Am Schlusse des Briefes steht ein Gruß, wie er dem Apostel für keine andere Gemeinde in die Feder kommt: »Es grüßen euch alle Gemeinden Christi« (Röm 16,16).

Wenn Paulus im Jahre 58 von Jerusalem aus nach Rom reist (Apg 23,11) und schon früher in Korinth sich oft vorgenommen hat, nach Rom zu fahren (Röm 1,13), so lag es für denjenigen, der sich als den Erstbe­auftragten Jesu Christi wußte und unter göttlichem Antrieb das Tor der Kirche für die Heiden geöffnet hat (Apg 10-11), besonders nahe, den Haupt­ort der alten Welt zu seinem Sitz zu wählen, um so mehr, als ande­re Städte hierfür keinen Anreiz boten. Jerusalem ging seinem Ende entgegen. Antiochien mit dem syrischen, Ephesus mit dem kleinasiatischen Hinterland, die grie­chischen Städte mit ihrer alten Geschichte standen politisch längst im Schatten Roms. Auch kulturell standen sie in dessen Dienst. Wenn der Geist, wenn

 

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die in der Kirche wirksame Heilsmacht Jesu Christi ge­radezu die Seele der Kirche genannt werden kann, dann wird wohl für die Entscheidung des Apostels Pe­trus ein Antrieb des Geistes nicht gefehlt haben. Auf der anderen Seite aber wurde dadurch dem Apostel die Entscheidung nicht abgenommen. Phanomenologisch war es seine in politisch-ge­schicht­lichen, reli­gionsgeschichtlichen, gesellschafts- und kulturge­schichtlichen Erwägungen wur­zeln­de Entscheidung, durch welche Rom eine unabsehbare Bedeutung für das Christentum zufiel (B.Altaner, War Petrus in Rom? in: B.Altaner, Kleinere patristische Schriften. Hrsg. von G. Glockmann, Berlin 1967).

 

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