2. Das ntl. Volk Gottes als priesterliches Volk
Durch
Christi Tod und Auferweckung ist das neute-stamentliche Gottesvolk als
priesterliches Volk geschaffen worden, wie die Johannesapokalypse (1,5f;
7,13ff) und der erste Petrusbrief (2,9) betonen. Der priesterliche Charakter
wird in diesen Texten kollektiv verstanden. Dem priesterlichen Volke Gottes
obliegt es, geistige Opfer darzubringen (1 Petr 2,5) und Gottes machtvolle
Heilstaten zu verkündigen (1 Petr 2,9). Das priesterliche Tun wird also nicht
in erster Linie kultisch verstanden. Es stellt den Vollzug des Glaubens an
Gottes heilschaffendes Tun in Jesus Christus dar.
Angesichts
dieser Lage spitzt sich das Problem des Priestertums in der Kirche zu der Frage
zu, ob innerhalb des durch Christus geschaffenen priesterlichen
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Volkes
Gottes Amtsträger im Sinne des Priestertums biblisch zu rechtfertigen sind. Wie
schon betont wurde, ist von einem priesterlichen Amt innerhalb des
Gottesvolkes in den neutestamentlichen Schriften nicht ausdrücklich die Rede.
Es ist aufschlußreich, daß die aus dem alttestamentlichen Glauben zum Christusglauben
gekommenen Priester einfach »Jünger« genannt werden (Apg 6,7).
Es
ist jedoch ein Zweifaches zu beachten: Das priesterliche Tun Jesu Christi,
sein Werk der Versöhnung der Menschen mit Gott, der Vereinheitlichung der
Menschen untereinander, der Vermittlung göttlichen Lebens muß jeder Zeit
gegenwärtig gesetzt werden, damit es für den Menschen erreichbar und greifbar
wird. Dies kann auf mannigfache Weise geschehen. Es ist im besonderen Maße die
Aufgabe der Amtsträger, wenn auch nicht allein der Amtsträger. Jene, welche
eine solche Gegenwärtigsetzung vollbringen, können »Priester« in sekundärem
Sinne genannt werden, insofern Christus der »Priester« im grundlegenden und
ursprünglichen Sinne der neutestamentlichen Heilsordnung ist. Wie wir gesehen
haben, besteht seit Beginn des 2. Jahrhunderts innerhalb der Gruppe der Amtsträger
eine Dreistufigkeit. Das volle Priestertum in dem abgeleiteten Sinne stellt der
Episkopat dar. Ein »reduziertes« Priestertum in diesem sekundären Sinne
stellen jene Amtsträger dar, die wir in unserer Alltagssprache »Priester«
nennen.
Die
Annahme eines solchen einfachen Priestertums im abgeleiteten Sinne widerspricht
nicht dem Geist des Neuen Testamentes, insofern dieses Priestertum verstanden
wird als Aktualisierung und Dynamisierung des Priestertums Jesu Christi. Die
neutestamentlichen Schriften verwenden in der Tat für die Proklamation Jesu
Christi das Wort vom priesterlichen Tun (hierur-
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gein).
Paulus bezeichnet nämlich seinen Dienst am Evangelium als ein priesterliches
Wirken. »Ich habe euch zum Teil ziemlich kühn geschrieben, um euch wieder
(daran) zu erinnern, aufgrund der mir von Gott verliehenen Gnade, daß ich ein
beauftragter Diener (Liturge) Jesu Christi für die Heiden bin, ein ,Priester'
im Evangelium Gottes (hierurgunta to euangelion), damit das Opfer der Heiden
wohl aufgenommen werde, geheiligt im Heiligen Geiste« (Röm 15,15f: Im allgemeinen
wird das Priestertum in diesem Text von den Exegeten bildlich verstanden; anders
jedoch 0. kuss zur Stelle).
Auch
die Ermächtigungen des Priesters werden nur recht verstanden, wenn man sie als
Ermächtigungen zum Dienste versteht. Dies aber bedeutet, daß die Priester
ebensowenig wie die Bischöfe nach der Art irdischer Herren handeln dürfen.
Das Grundprinzip der Ordnung, für welche sie verantwortlich sind, ist die
Liebe. Deren Urform ist die Hingabe Jesu Christi am Kreuze für seine Brüder
und Schwestern. Unter diesem Aspekt hat, wie noch einmal betont sei, die Freiheit
der Getauften im Zweifelsfalle immer die Priorität. Sie darf durch Leitung und
Führung nur in dem Maße begrenzt werden, als der Heilsdienst, die Ordnung, d.
h. die Liebe der Brüder untereinander dies erfordert (Fr. Henrich, Hrsg.,
Weltpriester nach dem Konzil 1969, mit Beiträgen von J. Blank, J. Schreuder, K.
Rahner, J.Görres, F. Klostermann).
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