2.
ABSCHNITT
Kirche
Es
gibt keine wirkliche Christologie ohne Ekklesiolo-gie, insofern die Kirche es
ist, durch welche die Kunde von Christus in einer von Anfang an fortlaufenden Überlieferung
vermittelt ist, und auch insofern Christus der Menschheit zugeordnet ist, auf
daß er sie um sich als den Heilsgrund und das Heilszentrum versammle. Es gibt
auch keine Ekklesiologie ohne die Christologie, da Christus der Lebensquell und
der Herr der Kirche ist. Die Kirche muß von Christus her, nicht von einem
allgemeinen Gesellschaftsbegriff her interpretiert werden.
Die
christologische Sicht umfaßt zwei Stufen, die Stufe des Ursprungs und die Stufe
der Existenz. Christus ist der Ursprung der Kirche und zugleich ihr bleibender
Lebens- und Existenzgrund. Da er dies letztere als Erhöhter in seiner
Geist-Existenz ist, verbindet sich mit der Christozentrik die Pneumatozentrik.
Christus ist in der Kirche gegenwärtig im Heiligen Geist. Dennoch kann sie
nicht einfach Geist-Kirche genannt werden. Sie würde so auf den Bezug zum
geschichtlichen Christus verzichten müssen und dadurch ihre Konkretheit
verlieren.
1.
Tatsächlichkeit der
kirchenstiftenden
Absicht Jesu
Heute
herrscht in den verschiedenen christlichen Kirchen und Theologien fast
allgemeine Übereinstimmung darüber, daß die Kirche in irgendeiner Weise auf
Christus zurückgeht. Dabei bleibt zunächst die Frage
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offen,
in welchem Sinn sich die Kirche von ihm herleitet. In der protestantischen
Theologie der Gegenwart (z.B. W. G. Kümmel) ist die Behauptung anzutreffen, daß
sich die Jünger nach der Erschütterung durch den Kreuzestod aufgrund der
Oster- und Geisterfahrung wieder gesammelt hätten, daß Jesus dies auch tatsächlich
erwartet habe, daß es aber völlig außerhalb seiner Absicht gelegen sei, wenn
sich die Jünger als die eschatologische Heilsgemeinde im Unterschied zu dem
gesamten Volke Israel verstanden und konstituiert haben. Daß er selbst keine
Kirche habe gründen wollen, ergibt sich nach dieser These auch daraus, daß er
den baldigen Anbruch der Gottesherrschaft erwartet habe, ferner daraus, daß
er sich nur gesandt wußte zu den verlorenen Söhnen des Hauses Israel (Mt
10,8). Die für die kirchenstiftende Absicht Jesu vielfach herangezogene Stelle
bei Mt 16,18 (Primats-verheißung) unterliege schweren Bedenken. Andere
evangelische Theologen (z.B. K. L. Schmidt, A. Oep-ke, O. Cullmann)
unterscheiden sich von der katholischen Glaubensaussage u.a. dadurch, daß sie
zwar dem Apostel Petrus einen Vorrang vor den übrigen Aposteln zuerkennen, daß
sie aber die Nachfolgeschaft ablehnen.