3.
Kapitel
Die
Kirche als Volk Gottes
1.
»Volk Gottes« als Bezeichnung der Gesamtkirche
Was
zunächst das Bild von der Kirche als dem Volke Gottes betrifft, so ist es zu
der Führungsvorstellung im Selbstverständnis der Kirche geworden. Man würde
den Sinn dieses Bildes nicht adäquat verstehen, wenn man zunächst fragen
wollte, was ein Volk überhaupt ist, und danach die spezifische Differenz
zwischen den übrigen Völkern und der Kirche als dem Volke Gottes suchen
wollte. Man muß vielmehr, wenngleich vor dem Horizont eines allgemeinen
Volksbegriffes, das Bild von der Kirche als dem Volke Gottes aus seiner eigenen
Sinnhaftigkeit zu interpretieren versuchen. Würde man mit der Analyse des
Volksbegriffes beginnen, dann müßte dies geradezu zu Fehlinterpretationen
der Kirche führen.
Mit
dem Begriff von der Kirche als dem Volke Gottes ist gemeint, daß es sich um
eine von Gott selbst gewollte und geschaffene, ihm dienende Gemeinschaft
handelt. Die spezifische Differenz liegt nicht nur zwischen diesem Volk und
anderen Völkern, sondern auch zwischen dem neutestamentlichen und dem
alttestamentlichen Gottesvolk. Die Kirche, das neutestamentliche Volk Gottes,
wird im Unterschied zum alttestamentlichen Gottesvolk »Leib Christi« oder »Braut
Christi« genannt. Im Grunde genommen meinen diese beiden Bildbegriffe die
gleiche Wirklichkeit wie der Bildbegriff von der Kirche als dem Volke Gottes. Es
handelt sich um komplementäre Bilder.
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Ein
eventuelles Mißverständnis muß von vornherein abgewehrt werden, ein Mißverständnis,
das im Laufe der Geschichte und vor allem des Lebensvollzugs der Kirche selbst häufig
aufgetaucht ist und vielfach zu gegenseitigen Vorwürfen innerhalb des Volkes
Gottes geführt hat, nämlich zum Vorwurf des Klerikalismus auf der einen und
des Laizismus auf der anderen Seite. Mit dem Worte »Volk Gottes« ist nicht
eine bestimmte Gruppe von Gläubigen innerhalb der Kirche gemeint, welche einer
anderen Gruppe, der Gruppe der Amtsträger, gegenübersteht. Der Begriff meint
vielmehr die ganze Kirche als eine große Einheit und Gemeinschaft (J. Eger,
Salus gentium. Eine patristische Studie zur Volkstheologie des Ambrosius von
Mailand, 1947, N. A. Dahl, Das Volk Gottes, Oslo 1941. M. D. Koster,
Ekklesiologie im Werden, 1940. M. Schmaus, Katholische Dogmatik, III/1,
3.-5.Aufl. 1958 (1. und 2. Aufl. 1940). Kl. Mörsdorf, Lehrbuch des
Kirchenrechts, 6. Aufl. 1949, 11. Aufl. 1964. W.Trilling, Das wahre Israel,
1959. l. Backes, Trierer Theol. Zeitschrift, 69, 1960, 111-117; 70, 1961, 80-93.
Y. M.-J. Congar, Concilium 1, 1965, 5-14. G. Barauna, 1960. J. Ratzinger, Das
neue Volk Gottes, 2, Aufl. 1970 [mit reichen Literaturangaben]. Derselbe, LThK
Vat.l, [1960, 350]).