5. Kapitel

 

Der Glaube »an« die Kirche

 

Weil die Kirche ein Geheimnis ist, ist sie Gegenstand des Glaubens (Apostolisches Symbolum). Man kann vieles an ihr mit jenen Mitteln erfassen, darstellen, mit denen sich sowohl im wissenschaftlichen wie auch im vorwissenschaftlichen Bereich Ein­sichten gewinnen lassen, mit den Mitteln der phänomenologischen Be­obachtung, der historischen Forschung, der philologi­schen Exegese, der psychologischen Analyse, der reli­gions­wissen­schaft­lichen Erhebung und ähnlichen. Was sie aber eigentlich ist, erschließt sich nur dem Glaubenden. Hierbei ist es wichtig, das Wort vom »Glauben an die Kirche« richtig zu verstehen. Wir müssen eine Unterscheidung machen. Sie stammt von Augustinus und wurde in der Theologie allgemein ak­zeptiert (Tract. in Joann. 29,6). Augustinus unter­scheidet den Glauben an Gott von dem Glauben um Gottes willen und von der gläubigen Annahme einer von Gott mitgeteilten und verbürgten Wahrheit (credere in deum deo deum). Unter dem Glauben im er­sten Sinn ist die personale Begegnung des Menschen

 

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mit Gott zu verstehen, in welcher der Mensch sich Gott anheim gibt. Dieser Glaube ist verwandt mit der Liebe. Er ist nicht nur die intellektuelle Bejahung eines wahren Satzes, sondern eine personale Übereignung des menschlichen Selbst an Gott. Die Bejahung einer Wahrheit ist naturgemäß von diesem Glauben nicht ausgeschlossen. Sie hat aber ihren Grund in der perso­nalen Hingabe an Gott. Wenn wir von dem Glauben an die Kirche sprechen, so meinen wir, daß die Kirche der Gegenstand des Glaubens ist. Im Apostolischen Glau­bensbekenntnis und in allen übrigen Glaubensbe­kenntnissen tritt diese Struktur des Glaubens an die Kirche zutage, wenn zunächst der Glaube an Gott den Vater, sodann an den Sohn und dann an den Heiligen Geist und im Anschluß daran der Glaube an die Kirche ausgesagt wird (DS 1—70).

Der Glaube ist dabei nicht als Vermutung, sondern als nüchterne Ergreifung einer spezifischen Wirklich­keit zu verstehen, nämlich jener Wirklichkeit, welche weder von der naturwissenschaftlichen Forschung, noch von der philosophischen Reflexion erreicht wer­den kann. Dies betrifft die personale Dimension und den letzten Sinn der Wirklichkeit, insbesondere aber das von jedem Erfahrungssein verschiedene und die­ses umfangende Du, das wir Gott nennen. Vorausset­zung für diese Art von Wirklichkeitserfassung ist es, daß die Wirklichkeit nicht postulatorisch auf die der Naturwissenschaft zugänglichen Bereiche reduziert wird, daß also die Wirklichkeit nicht als ein völlig in sich gerundetes, das ganze Sein erschöpfendes, na­turwissen­schaft­lich erforschbares System verstanden und folgerichtig ein Methodenmonismus gefordert wird.

Würde man bei solchen Methoden stehenbleiben, ergäbe sich nicht nur ein einseitiges, sondern ein fal-

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sches Bild, etwa das eines religiösen oder sozialen oder karitativen oder auch demokratischen Vereins oder einer kämpferischen Freiheitsgruppe. Dies alles kann zum vollen Verständnis beitragen, wenn es von Einseitigkeiten geläutert und in seinem Grunde, in Christus, verankert ist.

Die These, daß die Kirche nur im Glauben verständ­lich ist, schließt natürlich nicht aus, daß ihre Entste­hung, ihr geschichtliches Werden, ihre Ordnung, ihr Lebensvollzug mit historischen, soziologischen, kul­tu­­­rellen, anthropologischen Kategorien analysiert wer­­den können. Solange man sich jedoch auf solche Er­kenntnismedien beschränkt, kommt das Entscheiden­de nicht in Sicht, nämlich das Christusheil, dessen wirksame Ausdrucksgestalt alles Sichtbare an der Kir­che ist. Wenn diese hintergründige Dimension nicht in Rechnung gesetzt wird, entsteht ein Zerrbild von der Kirche. Es kann sich so z.B. die Vorstellung von der Kirche als einer parlamentarisch zu regierenden Reli­gionsgruppe ergeben. Eine solche Gefahr führt das mancherorts auf Anregung des II. Vatikanischen Kon­zils entstandene, aber im Wild­wuchs emporgeschos­sene Rätesystem in der Kirche mit sich.

Solange nicht die Spannung und die Ganzheit von Unsichtbar-Göttlichem und Sichtbar-Menschlich-So­zio­lologisch-Geschichtlichem bedacht wird, bleibt die Kirche letztlich unverstanden (J. Ratzinger, Einfüh­rung in das Christentum, 1969. W. Sandfuchs [Hrsg.], Ich glaube, 1976, franz.: Je crois. Übers, von L.Jean-neret, 1978. W. Pannenberg, Thesen zur Theologie der Kirche, 1970, 2. Aufl., 1974. Derselbe, Das Glau­bensbekenntnis ausgelegt und verantwortet vor den Fragen der Gegenwart. 1972, 2. Aufl., 1974).

 

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