4. Kapitel

 

Das orthodoxe und das reformatorische

Kirchen­verständnis

 

Im orthodoxen Kirchenverständnis ist die Kirche, aufs Ganze gesehen, »das Abbild der absoluten Kirche der drei göttlichen Personen«. Ihr Ursprung liegt nach S. M. Bulgakow jenseits von Raum und Zeit in der gött­lichen »Weisheit«. Seit Pfingsten setzt Christus durch die von Anfang an bestehende Kirche die Erlösung des Kosmos durch den Heiligen Geist bis zur Vollendung am Ende der Geschichte fort. Er ist das Haupt der gan­zen Kirche. Hierin kann ihn kein Bischof vertreten, wenngleich der jeweilige Ortsbischof in der Liturgie den Platz Jesu Christi am Tische einnimmt, um durch die Epiklese die Sendung des Geistes auf die Opferga­ben und das Volk herabzuflehen. Von der orthodoxen Kirche werden nur die ersten sieben Konzilien aner­kannt und nur ein Dogma, das trinitarische. Als Koinonia in der einen apostolischen Tradition ist die Kirche eins. Insbesondere wird der päpstliche Primat abge­lehnt.

Nach der evangelisch-lutherischen Vorstellung ist die Kirche das durch Gottes Wort geschaffene und im­merfort in ihm gründende neue Gottesvolk, die congregatio oder communio sanctorum bzw. fidelium.

 

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Im Worte Gottes ist der dreieinige Gott heilswirksam gegenwärtig als Schöpfer, Heiland und als der, der da lebendig macht. Wo Gottes Wort ist, herrscht das Kö­nigtum Gottes. Dieses steht immer im Kampf gegen das Reich des Teufels. Mit dem in der Schrift aufweisbaren apostolischen Zeugnis ist echte apostolische Autorität gegeben. Diese wird dort ausgeübt, wo das Zeugnis rein gelehrt und verkündet wird. Dazu ist das Amt der Bischöfe, der Pfarrer und der Lehrer unent­behrlich. Die Bindung an das Wort ist jedoch nicht von der Sukzession abhängig. Das Wort trägt seine göttli­che Garantie in sich selbst. Es bedarf insbesondere nicht der Bürgschaft durch den Papst in Rom. Das le­bendige, im Glauben aufgenommene Gotteswort ist der wesentliche Grund der Einheit.

Die calvinistische Vorstellung von der Kirche ist vor allem gekennzeichnet durch die Betonung der Präde­stination, der Kirchenzucht und eines mehrfachen kirchlichen Dienstes. Die Heilige Schrift ist die einzige Autorität sowohl für den einzelnen als auch für die Ge­meinschaft (vgl. K. AIgermissen, Konfessionskunde, Paderborn 1969).

Im 18. und 19. Jahrhundert erhoben sich verschie­dene ekklesiologische Bewegungen im Protestantis­mus. Zum Teil versuchte man die lutherische Lehre wieder zu erneuern, zum Teil geriet der Protestantis­mus in einen religiösen Individualismus oder Pietis­mus, zum Teil geriet er in die Versuchung, die Kirche und die Herrschaft Gottes mit der irdischen Kultur zu identifizieren. Nach dem Weltkrieg 1914—1918 ent­wickelte sich jedoch im Protestantismus ein neues Kir­chenbewußtsein. Dieses wurde wesentlich gefördert durch den Kirchenkampf (1933-1945). Der Rückgriff auf ein gläubiges Bibelverständnis und die Begegnung mit der katholischen Kirche haben eine neue Situation

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geschaffen. Das Gespräch, in welchem sowohl die katholische Kirche die vestigia ecclesiae in den evan­gelischen Kirchen und Gruppen, als auch die evangeli­schen Kirchen die vestigia ecclesiae in der katholi­schen Kirche zu finden suchen, hat sich als außeror­dentlich fruchtbar erwiesen.

 

 

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