5. Das »neue« Volk Gottes als Erbe des »alten«

 

Da früher der Zusammenhang zwischen dem altte-stamentlichen Gottesvolk und der Kirche und zu­gleich der tiefgreifende Unterschied dargestellt wurde, soll an dieser Stelle das Zeugnis des Neuen Testamentes von der Kirche als Erbin des alttestamentlichen Gottes­volkes kurz in Erinnerung gerufen werden. Die Kirche weiß sich nach dem Zeugnis des Neuen Testamentes als das wahre Israel. Das alte Israel war ein vorausge­worfener Schatten. Es war ein Vorentwurf des Israels im Geiste. Dieses Selbstverständnis schimmert hin-

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durch in der Bezeichnung »Ekklesia«. Gelegentlich be­gegnet uns auch formell der Terminus »Volk« (Laos). Der Gebrauch des Wortes ist jedoch nicht das Ent­scheidende.

Die Sache selbst beherrscht die ganze Heilige Schrift, vor allem die paulinischen Briefe. Sachlich be­gegnet uns die Vorstellung von der Kirche als dem Gottesvolk im Geiste vor allem im Galater- und im 1. Korintherbrief. Sie steht in diesen Schreiben des Apostels im Zentrum seiner ekklesiologischen Ausfüh­rungen. Aber auch im Römerbrief spielt sie eine aus­schlaggebende Rolle. Auch die Pastoralbriefe sind von dieser Überzeugung getragen. Im Kolosserbrief freilich tritt sie zurück (vgl. etwa Gal 3 und 4; 1 Kor 10,18, aber auch 2 Kor 6,16; ferner Röm 4,1-25, vor allem Röm 9,11, ferner Phil 3,2ff). Weil die Christen die wahren und die eigentlichen Abrahamskinder sind, ge­hören ihnen nach Paulus auch die Heiligen Schriften des AT. Diese sind für das Israel im Geiste geschrie­ben. Das alte Israel kann seine eigenen Schriften und seine Geschichte nicht verstehen.

Jesus Christus ist die Interpretation des Alten Testa­mentes. Dieses ist ein Vorentwurf der Zukunft, die noch verborgen und im gekreuzigten und auferstande­nen Christus offenbar wird (Röm 15,4; 1 Kor 9,10; 10,11; 2 Kor 3,14ff; Tit 2,13f; siehe auch Hebr 4,9; 8,10-13). Es liegt ein Schleier über den Augen des alttestamentlichen Gottesvolkes. Heute wird allerdings der Zusammenhang zwischen Kirche und Synagoge auch von jüdischer Seite neu diskutiert.

Auch in den übrigen neutestamentlichen Schriften wird sachlich die These von dem Volkscharakter der Kirche im Geiste vertreten (vgl. Mt 3,9; 5,13ff; 8,11; Mt 11,16-24; 22,8f; 23,38f; Mk 12,9ff; Lk 14,21ff; Mk 13,2; Lk 13,6f; 19,41ff; 12,32). Die Männer, welche

 

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die Väter des alten Gottesvolkes waren, sind nach dem Worte Jesu auch die Väter des heraufziehenden neu­en. Deshalb sind sie im neuen Gottesvolke auch die zuerst Geladenen (Mt 8,12; 21,43; 22,1 ff; Lk 14,15ff). In der Apostelgeschichte ist der Gedanke, daß die Urgemeinde das neue Gottesvolk ist, grundlegend. Er tritt deutlich hervor in den schon oft erwähnten Pre­digten des Petrus und des Paulus. Selbst wenn diese stilisiert sind, so kommt doch gerade in der Stilisierung eine Grundgestalt der Überlieferung zum Vorschein. Ein besonders deutliches und inhaltreiches Zeugnis bietet der erste Petrusbrief. Hier heißt es (1 Petr 2,4-11): »Kommt zu ihm, dem lebendigen Stein, der von den Menschen verworfen, aber von Gott auserwählt und geehrt worden ist. Laßt euch als lebendige Steine zu einem geistigen Haus aufbauen, zu einer heiligen Priesterschaft, um durch Jesus Christus geistige Opfer darzubringen, die Gott gefallen. Denn es heißt in der Schrift: Seht her, ich lege in Zion einen auserwählten Stein, einen Eckstein, den ich in Ehren halte; wer an ihn glaubt, der geht nicht zugrunde. Euch, die Ihr glaubt, gilt diese Ehre. Für jene aber, die nicht glau­ben, ist dieser Stein, den die Bauleute verworfen ha­ben, zum Eckstein geworden, zum Stein, an den man anstößt, und zum Felsen, an dem man zu Fall kommt. Sie stoßen sich an ihm, weil sie dem Wort nicht gehor­chen, doch dazu sind sie bestimmt. Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priester­schaft, ein heiliger Stamm, ein Volk, das sein beson­deres Eigentum wurde. Damit Ihr die großen Tage dessen verkündet, der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat. Einst wart Ihr nicht sein Volk, jetzt aber seid ihr Gottes Volk; einst gab es für euch kein Erbarmen, jetzt aber habt ihr Erbarmen gefunden.«

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Ähnlich wird die Kirche in der Johannesapokalypse charakterisiert (Offb 21,3-27). Jesus ist der Kyrios die­ses Volkes (N. A. Dahl, Das Volk Gottes, Oslo 1941. W.Trilling, Das wahre Israel, Leipzig 1959. H. Fries, Kirche [syst.], in: HThG l, München 1962, 812-822).

 

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