b)
Petrus als Oberhirte
Es
handelt sich um jenen Text, in welchem Jesus den Petrus auffordert, seine Lämmer
und Schafe zu weiden. Die dabei an Petrus dreimal gestellte Frage: »Petrus,
liebst du mich?« braucht nicht als Erinnerung an die Verleugnung des Petrus
verstanden zu werden. Es ist der in jener Zeit übliche Ritus der Amtseinsetzung
oder Gewaltübertragung. In feierlicher, juristischer Form vertraute der erhöhte
Herr dem Petrus die Sorge für die gesamte Kirche an. Petrus wird nach diesen
Worten zum Hirten über die Herde Jesu eingesetzt. Das in der Agrikultur
beheimatete Bild von der Herde und vom Hirten hat sowohl im Alten (Ez 34) wie
auch im Neuen Testament eine große Rolle gespielt. Christus selbst bezeichnet
sich als den guten Hirten (Joh 10). Der gute Hirte sorgt für seine Schafe (Mt
18,20; Lk 15,4ff). Die Herde ist klein (Lk 12,32). Sie braucht sich aber nicht
zu fürchten, denn es hat dem Vater gefallen, ihr das Reich zu geben (Mt 10,16).
Der Hirte hat für seine Herde Weide- und Wasserplätze zu suchen (Ps 23,2f; Gen
31,14; Ex 2,16). Es oblag ihm auch die Aufgabe, die Herde vor Angriffen und
Gefahren zu schützen (1 Sam 17,34f; Joh 10,12) und innerhalb der Herde die
Ordnung aufrecht zu erhalten, damit nicht etwa die kräftigeren Tiere die schwächeren
von den besten Futterstellen wegdrängten. Für die Durchführung dieser
Aufgaben diente der Hirtenstab (1 Sam 17,40. 50). Christus selbst hat sich seine
Hir-
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tenaufgabe
eine große Anstrengung, ja das Leben kosten lassen (Joh 10,11. 16; vgl. Ez
34). Christus fügte denn auch, als er dem Petrus das Martyrium ankündigte,
hinzu: Folge mirl
R.
Schnackenburg, Das Johannesevangelium, 3. Teil, 1975, 435, erklärt zu dem Text:
»So unpassend eine rein rechtliche Interpretation ist, lassen sich doch ein
autoritativer Auftrag des Auferstandenen und damit eine Teilhabe des Petrus an
den Jesus vom Vater zugewiesenen Aufgaben, die ihm ,gegebenen', zu seiner
Glaubensherde gehörenden Menschen zu behüten und zu leiten (vgl. 6,37-40;
10,27-30; 17, 6-12), nicht übersehen.«
Außerdem
ist nach ihm zu sagen: Der Vater hat Jesus seinem Sohne die Schafe anvertraut,
so daß sie dem Sohn genauso wie dem Vater gehören (vgl. 10,3f. 14; 17,9f), und
ohne sich seines Besitzrechtes zu begeben, vertraut sie der Auferstandene, zum
Vater Heimkehrende, dem Petrus zur treuen Fürsorge an. Gerade um diese
Menschen als die »Seinigen« zu bewahren, weist Jesus dem Petrus die
Hirtenaufgabe zu. Wegen dieses letzthin vom Vater ausgehenden Auftrages und
der darin eingeschlossenen Bevollmächtigung kann man den Dienst des Petrus auch
als Amt und im Verhältnis zu Jesus als irdische Stellvertretung bezeichnen,
sofern man den besonderen, von menschlichen Ämtern mit ihren Rechtsstrukturen
unterschiedenen Charakter dieses geistlichen Hirtenamtes nicht außer Acht läßt.
Die dem Petrus zweifellos zugewiesene Vorzugsstellung ist eine höchste
Auszeichnung, die von ihm im Kreuzestode in ihrer tiefsten Sinnhaftigkeit
erfahren wird. In ihm findet ja die Ähnlichkeit mit Jesus Christus ihren stärksten
und zugleich schmerzlichsten Ausdruck (für die ganze Stelle siehe Schnackenburg
4, 29ff).
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Im
Johannesevangelium tritt die kirchenbegründende Absicht Jesu noch besonders
in Erscheinung durch das Gleichnis von den Hirten und von der Herde.
Wenn
wir das im Bilde von dem Hirten und von dem Weiden Ausgedrückte in den
Sachbereich übersetzen, ergibt sich, daß Jesus dem Petrus die Vollmacht übertrug,
seine Herde zu leiten. Dies schloß ein Zweifaches in sich, die Vermittlung des
Lebens (in der Wortverkündigung und in der Zeichensetzung) sowie den Schutz
des Lebens durch Aufrechterhaltung der Ordnung gegen Bedrohungen von innen und
von außen. Der Sinn der von Johannes berichteten Szene ist also folgender: Der
auferweckte Herr verläßt die Erde. Er kann daher seine Herde nicht mehr selbst
unmittelbar leiten. Wenn er auch unsichtbar gegenwärtig bleibt, so ist er doch
nicht mehr in geschichtlicher Weise anwesend. Seine Herde soll aber nicht
verwaist sein (Mt 9,36; Mk 6,34; Joh 14,17). Er bestellte daher vor seinem
Weggang einen Mann, der die Hirtenaufgabe übernehmen und weiterführen sollte.
Ihm überträgt der Ersthirte die hoheitliche Gewalt, in welcher er selbst als
der im AT geschilderte und in der Fülle der Zeit vom Vater gesandte Hirte
Gottes Herde zu leiten hat.