3. Kapitel

 

Jesus Christus Grund der neuen Menschheit

 

Was die Rolle des menschgewordenen Logos für das Werden der Kirche betrifft, so muß man davon ausgehen, daß mit ihm eine neue Menschheit anhebt. Der erste Adam, um ein Wort des Apostels Paulus zu gebrauchen, war der Stammvater des menschlichen Geschlechtes, welches unter dem Apriori Macht der Sünde lebte. Jesus, der zweite Adam, wurde der Stammvater einer von Sünde, Tod und Gesetz zur Freiheit und zur Liebe befreiten Menschheit (1 Kor 14,22f. 45. 47; Röm 5,12-23; Lk 3,38). Er wurde der Anfang von Menschen, welche in Frieden mit Gott und im Frieden untereinander leben können und sol­len.

Die Väter haben diese These zu der Behauptung zu­gespitzt, daß in Jesus selbst schon die ganze neue Menschheit gegeben war. Er ist der heile, der von Gott gewollte Mensch, in welchem die Gottesherrschaft und die neue Schöpfung realisiert sind. Diese These hing mit der von den meisten Vätern vertretenen Be­hauptung zusammen, Christus habe den Menschen überhaupt angenommen (Assumptionstheorie; vgl.

 

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Band 1). Der Mensch Jesus ist in dieser Theologie schon in einem ganz realen Sinn die gesamte Mensch­heit, insofern er diese in sich enthält.

Die Kirche, d.h. die um Jesus gesammelten und an ihn glaubenden Menschen, ist in dieser Vorstellung die zeitliche Auseinanderfaltung des in Jesus Einge­schlos­senen. Wenn bei solchen Thesen auch gnostische Ge­danken mitschwingen, so wird doch sichtbar, was das Anliegen dieser Väter war: Jesus wird als der reale Ausgang einer neuen Epoche gedeutet. Eirenaios ver­sucht, diese Zusammenhänge mit seiner Lehre von der Rekapitulation der Menschheit in Jesus Christus ver­ständlich zu machen. Augustinus wiederholt die Mei­nung des Eirenaios. Die Menschwerdung Gottes im Menschen Jesus ist bei ihm notwendigerweise eine Verbindung Gottes mit dem ganzen corpus humanum, so daß alle an der Existenz, am Werk und am Leben Jesu als des Hauptes teilnehmen (vgl. J. M. Scheeben). Die Menschwerdung darf hierbei nicht statisch auf ein punktuelles Geschehen in einem Zeitmoment eingeengt werden; sie muß dynamisch als der Vollzug des gesamten menschlichen Lebens Jesu interpretiert werden. Die Kirchenväter drücken die Bedeutung des Todes Jesu für die Bildung der Kirche vielfach mit dem Bilde aus, daß die Kirche aus der Seitenwunde Jesu entstanden ist.

Man würde dem Zeugnis, welches das Neue Testa­ment über die Kirchenbildung bietet, und der Theolo­gie der Kirchenväter nicht gerecht, wenn man behaup­ten wollte, daß aus dem gemeinsamen Glauben der Jünger Jesu an seinen Heilstod und an seine Auferweckung die Kirche von selbst bzw. ausschließlich durch den Willen der Jünger, zusammenzubleiben, entstanden sei. Das Leben Jesu bildet zwar das ontologisch-intentionale Fundament für die Entste-

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hung der Kirche. Für deren tatsächliche Bildung ist je­doch der Kirchenwille Jesu grundlegend, nicht nur für die konkrete Gestalt, sondern prinzipiell für die Konsti­tuierung der Kirche selbst. Auf dem ontologischen Fundament der Inkarnation, des Lebens, des Heilsto­des, der Auferweckung offenbart sich gewissermaßen der aktuelle Kirchenwille Jesu. In der Geistsendung findet er seinen höchsten realen Ausdruck.

Hierbei darf nicht vergessen werden, daß Jesu kir­chenstiftender Wille die Menschen in voller Freiheit zur freien Entscheidung rief. In freier Entscheidung haben sie seinen Ruf angenommen und sich selbst mit ihrer geschichtlich und soziologisch bedingten individuellen Eigenart in die Stiftung Jesu Christi eingebracht, so daß die Kirche sowohl das dem Menschen vorgegebe­ne Werk Gottes als auch das Werk freier Gefolgschaft, wenn auch nicht nur diese, und daher die Verwirk­lichung sowohl des Stiftungswillens Jesu als auch, in­nerhalb dieser Vorgabe, der freien Entscheidung der von ihm Gerufenen und an ihn Glaubenden ist. Die freie Gefolgschaft realisiert sich in dem Empfang der Taufe. Sie ist durch diese Einheit von Göttlichem und Menschlichem geprägt. Dabei ist naturgemäß der Stif­tungswille Jesu die normierende und prägende Kraft.

 

  

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