10. Der Volk-Gottes-Begriff

des II. Vatikanischen Konzils — eine Korrektur

 

Wir kommen zu einer für das Verständnis des Be­griffes »Volk Gottes« grundlegenden Unterscheidung. Er meint nicht das Gleiche wie der Ausdruck das »ein­fache Volk«.

Das II. Vatikanische Konzil hat durch sein Konzept von der Kirche als dem Volke Gottes eine reduzierte, einseitige Vorstellung vom Volke Gottes, das im Un­terschiede zu der Hierarchie verstanden wurde, korri­giert (wenngleich sich diese veraltete Auffassung auf­grund einer zähen Gewohnheit auch in der heutigen Liturgie vielfach erhalten hat). Dieser letztere Termi­nus ist ja aus der Liturgie hervorgewachsen und hat in der Theologie, aber auch fast im ganzen kirchlichen Denken, namentlich in der Seelsorgspraxis die Herr­schaft gewonnen. Es wird dem »einfachen Volk« ein­fach gepredigt. Ihm, dem »einfachen Volk« kann man nach diesem antiquierten, einseitigen Volksbegriff auch manche Konzession inbezug auf abergläubische religiöse Vorstellungen, auf maßlos überhäufte religiö­se Erscheinungen innerhalb des rechten Glaubens »zu­billigen« .

In diesem verengten Volksbegriff war jenes Kirchen­bild zuhause, nach welchem die Kirche aus zwei Grup­pen besteht, aus der Gruppe der Herrschenden und aus der Gruppe der Gehorchenden. Für die­ses Kir­chenbild ist jene Sprache verräterisch, nach welcher mit dem Worte »Kirche« vor allem, ja vielfach aus­schließlich, die Träger der Hierarchie gemeint sind und demgemäß die Kirchenangehörigen in Bischöfe bzw. Priester und »Gläubige« eingeteilt werden, als ob nicht alle Kirchenangehörigen die eine Kirche bildeten und nicht auch Bischöfe und Priester »Gläubige« wären.

 

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Durch die Erklärung des II. Vatikanischen Konzils ist eine solche Auffassung von der Kirche prinzipiell über­wunden worden. Zugleich ist damit die Aufgabe ge­stellt, sie auch praktisch zu bewältigen, ohne die in ih­rem Kern von Christus stammende Struktur der Kirche preiszugeben. Es verdient vermerkt zu werden, daß, wie der verengte Volksbegriff seine Wurzeln in der Li­turgie, nämlich in der Verschiedenheit der dem Prie­ster und den übrigen Teilnehmern zukommenden Funktionen hatte, so auch der wiedergewonnene um­fassende Volksbegriff wieder in die Liturgie mündet und, ohne die Verschiedenheit der Funktionen einzu­ebnen, die Gemeinsamkeit und Zusammengehörigkeit hervorhebt.

 

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