bb) Jesu vor- und überweltliche Existenz

Besonders charakteristisch ist für das Johannes-Evan­gelium die durchgehend behauptete Präexistenz Jesu von Nazaret. Wenngleich Johannes sei­­ne Ge­schichtlichkeit mit außerordentlichem Nach­druck be­tont (der Logos ist Fleisch geworden 1, 14), so wird doch von ihm mit nicht weniger Intensität und mit größter Selbstverständlichkeit die Präexistenz hervor­gehoben (1,1. 30; 6,62; 8,58; 17,5. 24; vgl. 6,33f. 58; 7,28f; 8,14. 23. 26. 42; 16,36; 16,28).

Mit dem Präexistenzgedanken verbindet sich bei Jo­hannes die Vorstellung vom »Abstieg« aus dem Him­mel und vom »Aufstieg«, von der Sendung durch den Vater und vom Kommen Jesu Christi. Derartige For­mulierungen finden sich auch in dem gnostischen Mythos, vor allem in dem Mythos von dem Urmen­schen. Trotzdem kann man mit voller Sicherheit be­haupten, dass das Abstiegs- und Aufstiegsschema des Johannes nicht eine Entlehnung aus dem Gnostizismus ist, sondern die Weiterführung der synoptischen Überlieferung und des Alten Testamentes. Wir finden den Gedanken schon in dem vorpaulinischen Christus-

 

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hymnus (Phil 2, 6-11). Wenn Jesus (Joh 8, 58f) er­klärt: »Ehe Abraham war, bin ich«, so spricht er sich damit eine im Alten Testament erwartete Heilsbringerrolle zu. Diese seine Selbstaussage übersteigt zwar das jüdische Denken, und zwar in einer für dieses Den­ken geradezu skandalösen Weise, aber doch nur in der Form, in der Jesus hier sich selbst versteht. Er schreibt sich mit dem Ausdruck »bin ich« Überzeitlichkeit zu.

Der Präexistenzgedanke liegt auch vor in jenen Stel­len der Schrift, in denen die schöpferische Tätigkeit des Messias verkündet wird (1 Kor 8, 6; Röm 10, 6f; Gal 4, 4). Für die Formulierung dieser Gedan­ken spielt sicher die alttestamentliche Weisheits­lehre eine Rolle (Hebr 1, 3; vgl. Weish 7, 25f). Wir werden deren Ein­fluss auch für den vor­pau­­li­nischen Hymnus Kol 1, 15ff annehmen dürfen. Zwischen der von Johannes vertre­tenen Präe­xistenz des Logos und der in der Weisheits­spe­kulation verkündeten Präexistenz der Weisheit be­steht insofern ein wesentlicher Unterschied, als Jo­hannes dem Logos Personalität zuschreibt. Worauf es jedoch dem Verfasser in erster Linie ankommt, ist die »Erhöhung« bzw. die »Verherrlichung« Jesu Christi. Im Unterschied zu den Synoptikern sieht er die Ver­herrlichung schon in dem Kreuzestode Jesu (Joh 3, 14). Im Gegensatz zu Lukas versteht er die Verherrli­chung nicht in einer Aufeinanderfolge von zwei Pha­sen, in der Auferstehung und in der »Himmelfahrt«, sondern als einen einzigen Vor­gang, der schon mit der Kreuzigung beginnt.

 

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