d) Jesus mehr als ein Prophet

 

Indes: Wenn das alttestamentliche Prophetentum auch Beträchtliches zur Erschließung der Prophe­tenchristologie beizutragen vermag, so geht diese doch wesentlich über das erstere hinaus.

Jesus hat sich zwar selbst nicht den Titel eines Pro­pheten beigelegt (vgl. Mk 6,4; Lk 13,33ff; Mt 23,34. 37). Er vollbrachte jedoch alle jene Funktionen, die für die Propheten charakteristisch sind, und rief so seine Charakterisierung als neuer und vollendeter Prophet von Seiten seiner Zuhörer hervor. Er schaute z.B. in das Herz der Menschen (Lk 7, 39). Er wurde vom Eifer für Gott verzehrt. Er verkündete die mit ihm angebro­chene Heilszeit als die endgültige und letzte, die für den, der sich nicht bekehrt, das Gericht herbeiführen wird. Er erwartet denn auch das Prophetenschicksal und verkündet seinen eigenen Tod (Lk 13,33), die Zer­störung des Tempels, das Ende der Welt und der Ge­schichte. Es handelt sich hierbei um ureigene Worte Jesu, mögen auch neue Elemente in diese aufgenom­men worden sein. Gerade aufgrund seiner eigenen, stilisiert berichteten Leidensweissagungen war die Ur-kirche der Überzeugung, dass sein Weg von Gott selbst als ein Weg durch die Erniedrigung zur »Erhö­hung« bestimmt war, wie es die alttestamentliche Schrift bezeugt.

Dennoch ist Jesus mehr als ein Prophet (Mt 11,9; Lk 7, 26; vgl. Mk 13, 17). Die Propheten wurden von Gott berufen. Vielfach gegen ihren Willen und gegen langes Sträuben. Sie mussten sich durch besondere Gotteswerke legitimieren. Von Jesus hören wir nie­mals, dass er durch einen besonderen Berufungsakt zu seinem Werke gesandt wurde. (Die Taufgeschichte Jesu stellt keine eigentliche Berufung dar: Mk 1, 9ff).

 

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Er ist auch kein Apokalyptiker mit Entrückungen, Himmelsreisen, Gesichten, die ihm zuteil geworden wären, wie sie den spätjüdischen Apokalyptikern zuteil wur­den oder auch dem Seher der Johannesapokalypse.

Er ist gewissermaßen »Prophet« von seinem inner­sten Wesen her und daher mehr als ein Prophet (Mt 12, 41; Lk 11, 32). Er tritt denn auch mit souveräner Selbstverständlichkeit auf. Er braucht sich nicht zu le­gitimieren. Ja, er lehnt die Forderung einer Selbstlegi­timation ab. Er vollbringt allerdings Werke, an denen die Zeitgenossen sehen können, dass in ihm ein neuer Prophet gekommen ist, ja dass er mehr ist als alle bis­her aufgetretenen Propheten, sogar mehr als Mose. Deswegen wurden die Zeitgenossen schuldig, als sie seine Botschaft nicht anerkannten. Alle Propheten der Vergangenheit haben ihre Botschaft jeweils mit dem Worte eingeleitet: So spricht Jahwe (z. B. Am 6, 8. 14; Hos 2, 15; 11,1; Jes 11, 24). Jesus jedoch sagt, was er sagt, in eigener Autorität. An die Stelle des Spruches »Jahwe sagt« tritt bei ihm das eigene Ich: Ich aber sa­ge euch. Dies zeigt, dass sein Ich dort steht, wo im Al­ten Testament das Ich Gottes steht. Was er sagt, fließt daher aus einem einzigartigen Gottesverhältnis, aus seinem exklusiven Bewusstsein, der Sohn Gottes zu sein. Dieses Bewusstsein war schon dem Zwölfjährigen eigen, wie die Szene im Tempel und das dabei gespro­chene Wort zeigt: »Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meines Vaters ist?« (Lk 2, 41-50).

Was Jesus hier sagt, fügt sich in keine der aus dem Alten Testament überlieferten prophetischen Aus­­drucks­formen ein. Sehr charakteristisch ist die sei­ne Gleichnisse und Appelle einleitende Formel: Amen bzw. Amen, Amen, oder: Wahrlich, oder: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch. Hier wird von ihm mit Macht­vollkommenheit bekräftigt, was er verkündigt.

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