e) Jesu Lehr-Souveränität

 

So kann er denn auch, indem er sich an den alttestamentlichen Propheten misst, sagen: Hier ist mehr als Jona (Mt 12, 41), ja mehr als Salomo (Mt 12, 42). Es drängt sich die Frage auf, was dieses »Mehr« sei. Vor allem ist es von unabsehbarer Bedeutung, dass sich Je­sus über die Autorität des Mose gestellt hat. Dies be­deutet, dass seit seinem Kommen nicht mehr jener un­bedingte Massstab gilt, welcher durch Mose gesetzt worden ist. Jesus wendet sich nicht nur gegen die spitzfindigen Auslegungen der Thora. Er überbietet vielmehr die Thora selbst. Deswegen ist auch der Kleinste in der neuen Heilszeit größer als der Größte in der alten Heilszeit (Mt 7,28). Er greift die Gesetzesauf­fassung und die rein rituelle Kultfrömmigkeit der ein­flussreichen Pharisäer-Partei an und verkündet statt dessen in der Bergpredigt die radikal neue, für die jetzt beginnende Heilszeit geltende sittlich-religiöse Ord­nung. Diese stellt eine Verinnerlichung und eine Ver­ein­fachung dar (Mt 5, 1ff; Mk7, 2. 15.21). Er prokla­miert die unbedingte Wahrheit und Wahrhaftigkeit (Mt 5, 33) und die Liebe bis zur Feindesliebe: eine unerhör­te Forderung.

 

f) Jesu Provokation der Pharisäer?

 

Um den Ernst seines Kampfes gegen alle Veräußerlichungen und Unwahrhaftigkeiten zu unterstreichen, scheint er die Pharisäer geradezu provozieren zu wol­len. Dies darf man annehmen, wenn er den seit langer Zeit an einer Lähmung leidenden Mann gerade an ei­nem Sabbat heilt (Mk 3, 1-6; Lk 13, 10-17; 14, 1-10). Man könnte sagen, dieses Vorgehen Jesu verstoße nicht gegen das Sabbatgebot an sich, sondern nur ge­gen die spitzfindige Kasuistik der Pharisäer und müsse

 

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daher als ein Appell zu einer wahren inneren Frömmig­keit verstanden werden. Jesus geht jedoch über einen solchen Angriff gegen eine übertriebene Kasuistik hin­aus, wenn er sagt: »Der Sabbat ist um des Menschen willen da, nicht der Mensch um des Sabbats willen« (Mk 2, 27). Eine solche Sprache musste als unerhört empfunden werden. Aus ihr spricht Jesu überlegene Stellung dem Gesetz gegenüber. In einem solchen Worte beansprucht er, Herr auch über den Sabbat zu sein (Mk 2, 28). Während alle übrigen unter dem Mose stehen, steht Jesus über ihm. Seine Autorität ist grö­ßer als die des Mose. Dies drückt sich auch aus in sei­ner Stellungnahme zum mosaischen Ehescheidungs­gesetz. Diesem gegenüber verkündet er die Unauflös­lich­keit der Ehe (Mk 10,9-12; vgl. Mt 5,32; 19,1-91. In fast aufreizender Schärfe hat Jesus das, was von An­fang an war und was Gott selbst verfügte, aber gegen­über dem Mose um der Herzenshärte willen »erließ«, wieder eingeschärft und die Konzession des Mose auf­gehoben. Nach dem Markustext wird die ohnehin nur als Erlaubnis charakterisierte mosaische Bestimmung von Jesus formell außer Kraft gesetzt. Sein Wort ge­winnt dadurch eine zusätzliche Betonung, dass er auch dem Mann die Ehescheidung und Wiederverheiratung verbietet. Die Kirche hat auch von Anfang an das Ver­bot der Ehescheidung als Gebot des Herrn verstanden. Entlassung und Wiederverheiratung werden als Ehe­bruch und als Widerspruch zu Gottes Willen gekenn­zeichnet, sowohl für den Mann als auch für die Frau (1 Kor 7, 10f. Für die sogenannten Matthäusklauseln siehe die Darstellung des Ehesakraments in Bd. 5).

 

   

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