hh) Erfüllung der atl. Messiasverheißung

So erfüllt Jesus als Messias zwar die alttestamentlichen Verheißungen, aber er erfüllt sie in einer völlig unerwarteten Weise. Er wird zwar sein Volk retten, aber die Rettung wird darin bestehen, dass er es von den Sünden erlöst (Mt 1, 21) und so allerdings eine neue Welt hervorbringt, soweit sich diese nicht dage­gen widersetzt. So wurde sein Messiastum nicht un­mittelbar und formell greifbar und sichtbar. Es ist ver­ständlich, dass der von tiefster Sehnsucht nach dem Retter erfüllte Johannes der Täufer, der im Gefängnis vom Wirken Jesu hörte, aber von keiner Änderung der Verhältnisse erfuhr, die Frage an ihn richten ließ: »Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir noch weiter warten?« In seiner Antwort nahm Jesus auf das Milieu bzw. auf die Situation Rücksicht. Er gibt keine unmit­telbare Auskunft. Er weist jedoch hin auf die von Je-sajas verkündeten Zeichen, indem er die Antwort gibt: »Gehet hin und berichtet dem Johannes, was ihr hört und seht. Blinde sehen. Lahme gehen. Aussätzige werden rein, Taube hören. Tote stehen auf. Armen wird das Evangelium verkündet (vgl. Jes 35,5f; Dt-Jes 61, 1). Und selig ist, wer an mir nicht Anstoß nimmt« (Mt 11, 4fO. Das letzte Wort ist zweifellos zu verste­hen als eine Aufforderung an Johannes, sich von jeder politischen Messiaserwartung freizumachen und sich mit der Messiasform abzufinden, welche durch die von Jesus mitgeteilten Funktionen charakterisiert ist.

Lukas lässt Jesus noch deutlicher sprechen. Er kam aus der Wüste von der Versuchung durch Satan und

35

 

ging in der Kraft des Geistes nach Galiläa. Sein Ruf verbreitete sich in der ganzen Gegend. Er kam auch nach Nazaret, wo er aufgewachsen war, ging nach seiner Gewohnheit am Sabbat in die Synagoge und stand auf, um vorzulesen. Es wurde ihm das Buch des Propheten Jesaias gereicht. Als er das Buch aufrollte, fand er die Stelle, wo geschrieben steht: »Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat für die Armen das Evangelium zu verkünden, und mich sand­te, für die Gefangenen Befreiung, für die Blinden das Augenlicht zu verkünden, die Gequälten in die Freiheit zu entlassen, und das willkommene Jahr des Herrn zu verkünden« (Dt-Jes 61, 1f; 58, 8). Er rollte das Buch zusammen, gab es dem Diener zurück und setzte sich. Aller Augen in der Synagoge waren voll Spannung auf ihn gerichtet. Er aber begann zu ihnen zu sprechen: »Heute ist dieses Schriftwort vor euren Ohren in Erfül­lung gegangen (Lk 4, 14-21). Deshalb ist es Zeit, sich zu freuen wie zur Hochzeit« (Mk 2, 18f). Am meisten hat das Lukas-Evangelium unter einem hellenistischen Einfluss Jesus als den erbarmungsvollen Helfer (Lk 7, 13), als den Heiland der Sünder und den Anwalt der Armen (Lk 6,20f; 7,36-50; 14,13f; 18,9-14; 19,2-10), als den Retter bezeugt (Lk 2, 11).

 

Zurück zum Inhaltsverzeichnis Band IV-2