1. ABSCHNITT

 

Die Schrift

 

  

7. Kapitel

 

Hinführung

 

Es lässt sich nicht leugnen, dass in den Schriften des Neuen Testamentes manche Worte oder Selbstaussagen dem geschichtlichen Jesus in den Mund gelegt werden, die er in der in den Evangelien gebrachten Form nicht gebraucht hat, die aber dennoch wahr sind, weil sie entweder Kurz- oder Langfassungen oder Überarbeitungen dessen darstellen, was Jesus wörtlich gesagt hat, oder auch Mitteilungen über Reden und Handlungen Jesu in einer neuen, ein oder zwei Menschenalter nach seinem Tode entstandenen, zeitgemäßen Sprache. Dies zeigt sich vor allem im Johannesevangelium. Solche neuen Formeln haben ihre sachliche Rechtfertigung im Tun und Reden Jesu selbst. Eine genaue Prüfung zeigt, dass die Texte des Neuen Testamentes nicht nur eine in verschiedenen, uneinheitlichen Vorstellungen vorgetragene Interpretation des Menschen Jesus bieten, sondern dass sie realistisch den geschichtlichen Jesus selbst als den Heilsbringer, ja als das Heil proklamieren wollen. Voll entfaltet ist diese Heilsfunktion in dem auferweckten, verklärten »Christus«. Es ist eine schwierige Aufgabe der Exegese, zu unterscheiden zwischen den aus dem Munde Jesu selbst kommenden Worten Jesu und de-

 

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ren in einer neuen Formulierung erfolgten Wiedergabe von Seiten der Jünger. Bis zur vollständigen Lösung dieser Frage bedarf es noch vieler Anstrengungen. Naturgemäß ist eine unmittelbare Selbstaussage Jesu von anderem Gewicht und anderer Lebenskraft als eine Reflexion der ursprünglichen Christuszeugen über Jesus, selbst wenn diese unter dem Einfluss des inspirierenden Gottesgeistes gegeben worden ist und daher ihr besonderes Charisma hat.

In der Darlegung des neutestamentlichen Zeugnisses sollen zunächst die in der Apostelgeschichte an­zutreffenden urchristlichen Überzeugungen vom historischen Jesus, sodann die Jesus-Schilderung der drei synoptischen Evangelien dargeboten werden. Daran wird sich das Christusbild der paulinischen Briefe, des Hebräerbriefes, der johanneischen Schriften und schließlich eine Ergänzung aus den übrigen Briefen des Neuen Testaments anschließen. In der Darstellung soll jeweils dem Unterschied zwischen dem verkündigenden Jesus und dem verkündigten Christus Aufmerksamkeit zugewendet werden. Dieser Unterschied wird jedoch nicht einen Einteilungsgrund für die nachfolgende Darstellung bieten. So wichtig er ist, so ist er doch für die dogmatische Wissenschaft nicht von jener fundamentalen Bedeutung, die er für die biblische Theologie hat. Denn der Dogmatiker kann von der Überzeugung ausgehen, dass die ganze Heilige Schrift inspiriert ist. Gleichwohl ist naturgemäß auch für die dogmatische Wissenschaft die unmittelbare Selbstaussage Jesu von anderem Gewicht als eine Reflexion der unmittelbaren Christuszeugen, selbst wenn diese Reflexion unter dem Einfluss des inspirierenden Gottesgeistes geschah.

 

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