ee) Der leidende Menschensohn

Ähnlich wie mit dem Messiasbegriff verbindet sich mit dem Menschensohnbegriff auch die Vorstellung, des Leidens, der Niedrigkeit. Der Menschensohn ist nicht gekommen, sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen (Mk 10, 45). Er ist der Herr der Schöp­fung und der Geschichte und hat doch weniger als die Tiere. Er weiß nicht, wohin er sein Haupt legen soll (Lk 9, 28). Er sucht nicht die Grossen und Maßgebenden der Welt, sondern die Kleinen und Verlorenen (Lk 19, 10). Am tiefsten hüllt sich der mit Hoheit umkleidete Menschensohn in die Knechtsgestalt ein, wenn er den Kreuzweg beschreitet. Er wird den Händen der Men­schen ausgeliefert (Lk 9, 44). Er wird Spott und Gewalt erleiden. Er wird angespien werden. Sie werden ihn geißeln und töten (Lk 18, 31f; Mk 14, 21; Mt 16, 21; 17, 12). Darin liegt das Originale der Selbstbezeich­nung Jesu als Menschensohn, dass er die Hoheitsge­stalt des Menschensohnes als des kommenden Wel­tenrichters mit der Niedrigkeitsgestalt des Leidenden und des sich opfernden Messias verbunden hat.

E. Schweizer (Das Evangelium nach Markus, Göt­tingen 1967, 95f) weist darauf hin, dass der Prophet Ezechiel etwa 78mal .Menschensohn' genannt wird. Er muss das Unheil verkünden (6, 1ff), den Sündern das Urteil sprechen (20, 3f; 22, 2). Er selbst muss Entbeh­rung und Leiden auf sich nehmen zum Wahrzeichen für Israels Not (4, 9ff; 5, 1ff; 12, 6. 11. 17ff; 24, 16ff, 27). Aber er darf auch den kommenden guten Hirten

 

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(24, 23ff), die endzeitliche Reinigung durch den Geist (36,17ff) und die künftige Herrlichkeit (40, 4; 43, 7. 10; 47, 6) ankündigen. Jesus könnte diesen Sprach­gebrauch aufgenommen haben, um damit seinen ihm von Gott auferlegten Dienst in Niedrigkeit und Leiden auszudrücken (vgl. Mt 8, 20; 11, 19). Jesus hat über Ezechiel hinaus seinen Weg so verstanden, dass er endgültig die Leiden Israels, seiner Propheten und Ge­rechten vollenden sollte. Er bezeichnet sich als den Zeugen, der im letzten Gericht für oder wider die ein­treten wird, die seinen Ruf aufgenommen oder abge­lehnt haben, und damit das Gericht entscheiden wird: Mk 8, 38 heißt es: »Wer sich von dieser treulosen und sündigen Generation meiner und meiner Worte schämt, dessen wird sich auch der Menschensohn schämen, wenn er mit den heiligen Engeln in die Ho­heit seines Vaters kommt.« In der nachösterlichen Ge­meinde ist Jesus wahrscheinlich mehr und mehr an die Stelle des Richters selbst getreten (vgl. Röm 2, 3-11; 14, 10 mit 2 Kor 5, 10; auch 1 Kor 4, 4 und 5t, so dass man statt vom Kommen des Reiches Gottes (Mk 9, 1; Lk 22, 18) vom Kommen des Menschensohnes sprach.

 

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