10.
Kapitel
Das Sohnesprädikat
als zusammenfassende Seins-Aussage
Im
Anschluss an Fr. Mußner lässt sich sagen: Es war der anfängliche Sehakt, in
dem sich die Erfahrung der Jünger sammelte, der dann in der späteren, durch
die Osteroffenbarung vorangetriebenen Reflexion das Leben Jesu als
Manifestation seiner totalen, bis zur Deckungsgleichheit führenden
Aktionseinheit mit Gott erkennen liess, am meisten dann durchreflektiert im
Johannesevangelium. »Das Sohnesprädikat zog mit der Zeit alle anderen
christologischen Prädikate an sich wie ,Prophet', ,Knecht Gottes', ,Messias',
,Herr', ,Weisheit' und (speziell bei Joh) ,Menschensohn'. Das Sohnesprädikat
wurde im Laufe des ersten Jahrhunderts zur christologischen Auslegungsnorm.«
Die
Zusammenfassung aller christologischen Würdenamen vollzieht sich also in dem
Begriff und Worte »Sohn«. Diese Kennzeichnung Jesu Christi finden wir in sämtlichen
neutestamentlichen Schriften, wenn auch oft erst aus dem Kontext jeweils der
wahre Sinn des Wortes hervorgeht. Insbesondere sind es das Johannesevangelium,
aber auch das paulinische Schrifttum (Galaterbrief; Hebr 3, 6), in welchem das
Wort
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Sohn ontologisch zu
verstehen ist. Man kann sagen, Christus ist »der« Sohn.
Es
ist aufschlussreich, dass sich dieses Wort in der Tradition der Kirche
durchgesetzt hat. Das Gleiche kann man nicht von dem Messiastitel sagen, wenngleich
dieser im Alten Testament einen stärkeren Rückhalt hat als die Aussage Sohn.
Inhaltlich ist das Wort Messias auf den ersten Blick auch gefüllter und dichter
als der Ausdruck Sohn. Deshalb ist es auch angebracht und liegt sowohl im
Sinne wie im Wortlaut der Heiligen Schrift zu sagen, Jesus sei »der Christus«.
Das Wort Sohn öffnet sich zwar leichter dem allgemeinen Verständnis, bedarf
aber einer ontologischen Vertiefung. Der Tiefgang des Wortes »Sohn« wird
besonders deutlich aus dem korrelationalen Gegenbegriff »Vater«. Jesus nennt
ja Gott in einem einmaligen, sonst mit niemandem geteilten Sinn seinen »Vater«.
Er tut nur, was er den Vater tun sieht. Er redet nur, was er vom Vater hört. Er
ist mit dem Vater eins. Das Johannesevangelium ist das durchgehende Zeugnis
von dieser Einheit.
Man
darf wohl auch auf die orientalische Mentalität zurückgreifen, nach welcher
sich die wahre Sohnschaft im alltäglichen Leben gerade im Gehorsam, in der
Nachahmung des Vaters durch den Erstgeborenen zeigt.
Der »Sohn« übt
insbesondere seinen Helferdienst für die Menschen, sein Rettungswerk, nicht
selbständig neben dem Vater aus, sondern nur aufgrund des väterlichen
Auftrages, ja aufgrund seiner ihm vom Vater geschenkten Existenz. Er existiert
nur aus dem Vater. Der Vater ist selbst nicht »Person«, die auch einen Sohn
hervorbringt, er ist vielmehr selbst nur dadurch Person, dass er seinen Sohn »zeugt»,
den Einziggeborenen. Vater und Sohn leben in Korrelation. In diese
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Korrelation zwischen Vater und Sohn ist auch von
vorneherein einbezogen die Hinordnung des Sohnes auf den Dienst an den Menschen,
auch wie Mußner mit größtem Nachdruck betont, das »Für-uns-sein«. Jesus
existiert auf der einen Seite nur auf den Vater hin und ist gerade in dieser
Existenz vom Vater her und auf den Vater hin der Sohn, zugleich existiert er vom
Vater her auf den Menschen hin. Dies schließt in sich, dass er in einer ganz
besonderen Weise der Sohn »für uns« ist als Christus passus. Denn darin wirkt
sich sein »Sein-für-uns« in heilskräftiger Weise aus. Prä-Existenz und
Pro-Existenz bedingen sich (Mußner). Die Korrelation von »Vater« und »Sohn«
ist real in der Liebe, die der Heilige Geist ist.
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