Dritter
Hauptabschnitt
Das
Sein Jesu Christi: Inkarnation
Vorbemerkung
a)
Struktur Jesu und Heil
Nachdem wir die Heilsfunktionen
Jesu in Tat und Wort besprochen haben, wenden wir uns der Frage zu, wer Jesus
Christus ist und wie er in seiner Struktur verstanden werden muss. Erst aus der
Beantwortung dieser Frage werden seine Heilsfunktionen tiefer verständlich. Sie
ist von den Zeitgenossen Jesu angesichts seiner machtvollen Rede und seiner
Machttaten häufig gestellt worden. Sie ist identisch mit dem Problem der
Inkarnation (Joh 1, 14).
Aufgrund der mannigfachen
Heilserfahrungen, welche die Urkirche an dem historischen, insbesondere an dem
auferstandenen Christus gemacht hat, fühlte sie sich immer wieder zu der Frage
gedrängt: Wer ist dieser? Es ist eine Frage auf Leben und Tod. An ihrer
Beantwortung hängt das ewige Heil. Die Frage wird in der Schrift nicht in jener
Vollform beantwortet, welche uns das Konzil von Nikaia im Jahre 325 und
ausserdem das Konzil von Chalkedon 451 geben.
b)
Geistige Situation in der Urkirche
Eine solche klare Antwort war in
der Situation der Urkirche schlechterdings unmöglich. Ihr Glaube war
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bestimmt durch den
alttestamentlichen Monotheismus, der Jahrhunderte hindurch gegenüber allen polytheistischen
Versuchungen leidenschaftlich verteidigt wurde. Dass es nur einen einzigen,
lebendigen Gott gibt und dass die vielen im Umkreis des biblischen Gottesvolkes
verehrten Götter in Wahrheit keine Götter sind, ist das Grundgesetz der
alttestamentlichen Gläubigkeit. Es wäre für die Zuhörer Jesu schlechterdings
unverständlich gewesen, wenn entweder Jesus selbst oder seine unmittelbaren
Zeugen in aller Klarheit verkündigt hätten, dass Jesus Gott ist wie der aus
dem Alten Testament bekannte Jahwe. Für eine solche Verkündigung hätte auch
die Begrifflichkeit gefehlt. So kann es nicht Wunder nehmen, wenn wir im
Unterschied zu der späteren (expliziten) Gestalt des christlichen Glaubens in
den Schriften des Neuen Testamentes immer wieder neue Ansätze, neue Bilder,
neue Vorstellungen, neue Begriffe finden, um das Geheimnis Jesu Christi zu
schildern, dass aber keine der vielen Aussagen die Höhe der späteren
kirchlichen Lehre erreicht. Dies bedeutet nicht, dass die spätere Lehre eine Überfremdung
dessen ist, was uns die Schrift von Jesus Christus bezeugt. Es bedeutet
vielmehr, dass in der Zeit, in der die Schrift entstanden ist, noch nicht die
begriffliche und sprachliche Möglichkeit gegeben war, das innerste Geheimnis
Jesu Christi so darzustellen, wie dies aufgrund einer langen Entwicklung sowohl
im Bereiche der Begriffe als auch im Bereiche der Sprache möglich gewesen ist.