21.
Kapitel
Zuverlässigkeit
der evangelischen Berichte über den irdischen Jesus
Angesichts der Entstehung der neutestamentlichen Schriften drängt sich die Frage auf, ob die Berichte der Evangelien über das irdische Leben Jesu zuverlässig sind oder ob die Jesusgestalt aufgrund des Osterglaubens und der Wirksamkeit des Geistes so übermalt ist, dass man die geschichtliche Wirklichkeit nicht mehr oder nur noch verstümmelt zu erkennen vermag.
Das Problem erscheint in der Theologie seit längerer Zeit unter dem Stichwort vom Verhältnis des verkündigenden Jesus zum verkündigten Christus. Die »liberale« Theologie des vorigen Jahrhunderts war in der Tat der Meinung, dass das Bild des geschichtlichen Jesus von den neutestamentlichen Schriftstellern völlig ver-
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zeichnet und mit gänzlich fremden Zügen ausgestaltet worden sei. Von einem anderen Ausgangspunkt kommt die Entmythologisierungstheologie, welche von R. Bultmann und in verschiedensten Schattierungen von seinen Anhängern vertreten wird, zu einem ähnlichen Ergebnis. In ihrem Kerne sagt sie folgendes: Jesus habe mit der Proklarnation des Gottesreiches bzw. der Gottesherrschaft nicht übernatürliche Ereignisse der nahen oder fernen Zukunft verkündigen wollen, er habe sich selbst keineswegs als Gottessohn oder Menschensohn bezeichnet, er habe vielmehr in einer zeitgebundenen mythologischen Ausdrucksweise zur wahren menschlichen Existenz aufgerufen. Er habe sich weder als Heilsbringer noch als der vom Himmel kommende Gottesbote verstanden. Die Jünger hätten jedoch Leben und Sterben Jesu als Beispiel für die Überwindung eines weltverlorenen und selbstsüchtigen Daseins ausgelegt und verkündigt. Das Sterben Jesu sei für das wahre Verständnis und die Verwirklichung menschlicher Existenz entscheidend bedeutsam und dadurch »geschichtlich« geworden. In diesem Sinne gehe das Sterben Jesu jeden Menschen an. Diesen Glauben hätten die Jünger in der mythischen Vorstellungswelt von der Auferweckung Jesu Christi zum Ausdruck gebracht. In dieser Erklärung kommt ein reiner Humanismus zum Vorschein.
Soweit diese Ansicht von der apriorischen Vorstellung genährt wird, dass ein göttliches Eingreifen in den Lauf der Geschichte unmöglich ist, und von der Überlegung bestimmt wird, was den heutigen Menschen an christlichen Elementen noch zugemutet werden kann, sei auf die im grundlegenden ersten Teil dieses Werkes vorgebrachten Ausführungen verwiesen.
Soweit sie jedoch beansprucht, die Heilige Schrift nach ihrem wahren Sinn zu interpretieren, muss man
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darauf hinweisen, dass die Christuszeugen wohl zu unterscheiden wussten zwischen dem Mythos und der Wirklichkeit, und dass sie den Auferstandenen, wie insbesondere aus dem 15. Kapitel des ersten Briefes an die Christengemeinde in Korinth und aus den mit grösster Intensität geschichtlich vorgehenden Texten aus der Apostelgeschichte, die vorher angeführt wurden, hervorgeht, als eine Wirklichkeit von singulärer Ausnahme und Einmaligkeit interpretiert haben. Der erhöhte Herr ist für sie heilsbedeutsam nur deshalb, weil er wirklich existiert.
Es ist jedoch in der Entmythologisierungstheologie ein wichtiges Anliegen enthalten, das Anliegen nämlich, dass Jesus Christus nur durch die Verkündigung und durch den Glauben für den Menschen heilsmächtig wird. Der Glaube kommt vom Hören (Röm 10, 17). Leben, Leiden, Sterben und Auferweckung Jesu zielen auf den Menschen. Sie haben zwar je eine von allen sonstigen Ereignissen abgegrenzte Kontur. Dennoch sind sie keine in sich selbst ruhenden Vorgänge. Ihr Sinn verwirklicht sich erst dann zu seiner ganzen Fülle, wenn sie den Menschen erreichen, um ihn in das Leben Gottes hineinzuziehen.
Ebensowenig
darf übersehen werden, dass es sich in den Evangelien um Glaubenszeugnisse
handelt, welche ihren Ursprung in realen Erfahrungen, nicht in Meditationen,
Spekulationen und Reflexionen haben, auch nicht in unbewussten bzw. tiefen
bewussten Projektionen, sondern in der Ostererfahrung und in dem Geisterlebnis
der Jünger Jesu Christi. Hierfür lässt sich die Szene der Wahl des Matthias
als überzeugender Text anführen. Petrus erklärte nach dem Tode des Judas (Apg
1, 21f): »Einer von den Männern, die die ganze Zeit mit uns zusammen waren,
als Jesus, der Herr, bei uns ein und aus ging, angefangen von der
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Taufe durch Johannes bis zu dem Tag, an dem er von uns ging und (in den Himmel) aufgenommen wurde, — einer von diesen muss nun zusammen mit uns Zeuge seiner Auferstehung sein.« Dies bedeutet auch, dass die Evangelien unmittelbar Zeugnisse des kirchlichen Glaubens und Lebens und mittelbar durch den Glauben der Kirche hindurch Zeugnisse vom geschichtlichen und auferweckten Jesus sind und sein wollen, Zeugnisse von einem auch nach dem Tode wieder Lebenden, von dessen vor dem Tode vollzogenen Leben sich konkrete und bestimmte Aussagen machen lassen (vgl. E. Schillebeecks, Die Geschichte von einem Lebenden, 1974).