7. Kapitel

 Vollendung des Gottesreiches

 

a) Tod und Auferweckung Jesu und Gottesherrschaft

 

Die Vollgestalt der in Christus errichteten Herrschaft Gottes wurde durch seinen Tod gewonnen, in den ihn der himmlische Vater hineingab und den Jesus als Stellvertreter aller Menschen, ja der Schöpfung freiwillig übernommen hat. Dieser Tod wird in der Schrift weder dargestellt als eine tyrannische Forderung des himmlischen Herrn noch als ein geschichtlicher Unfall oder Zufall, sondern als die Ausführung des ewigen göttlichen Heilsplanes, den der Sohn Gottes aufgrund seiner Relationalität zum Vater in vorbehaltlosem Gehorsam angenommen hat. So sehr hat Gott die Welt geliebt, heisst es bei Johannes (3, 6f), dass er seinen eingeborenen Sohn dahingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verlorengehe, sondern ewiges Leben habe, denn Gott hat den Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richte, sondern damit die Welt durch ihn gerettet werde. Hierüber wird im zweiten Hauptteil eingehender gehandelt werden. Die Hingabe von seiten des Vaters besteht auf jeden Fall darin, dass der Vater seinen Sohn als Helfer sandte.

Der Ursprung des Todes Jesu lag in dem freien, ewigen Heilswillen Gottes. Er lag zugleich im freien Willen Jesu. Denn dieser hat die Verfügung des Vaters mitsamt seiner Existenz als Aufgabe empfangen und vorbehaltlos in seine eigene freie Entscheidung aufgenommen (Mk 14, 21. 41; Joh 11, 18f; Lk 18, 31). Jesus ist daher gewissermassen in den Willen des Vaters hineingestorben. Der Grund dafür, dass erst Tod und Auf-

 

108

 

erstehung das Medium für die volle Aufrichtung der Gottesherrschaft durch Jesus Christus waren, lag darin, dass in der vollen Hingabe Jesu als des gottbestellten Repräsentanten der ganzen Menschheit an den Willen des Vaters in dem radikalen Verzicht auf jede Eigenmächtigkeit die Auflehnung gegen Gott am Anfang und innerhalb der menschlichen Geschichte prinzipiell überwunden wurde, damit so Gott über die Menschen wieder in vollem Masse seine Liebesherrschaft und darin seine gnadenhafte Heilsherrschaft ausüben und der Mensch in der Befreiung von der Sünde mit Gott wiederum in eine heilshafte Einheit und den heilsmächtigen Dialog eintreten könne. Der Dialog mit Gott war oft abgebrochen worden, wurde aber von Gott immer wieder neu aufgenommen, hatte jedoch nie eine stabile Wirklichkeit. Durch den Tod Jesu wurde ein bleibendes Gespräch zwischen Gott und der Schöpfung eröffnet, indem es zwischen Gott und Jesus Christus eröffnet wurde, und zwar in einer dem sündigen Menschen entsprechenden Weise. Der volle Durchbruch der Gottesherrschaft in Jesus Christus geschah in der Auferweckung von den Toten durch Gott (Apg 2) und zwar so, dass Jesus selbst dabei der-»Herr« wurde. Die schöpferische Kraft des Todes wird im Johannesevangelium als »Erhöhung« zum eigentlichen Leben bezeugt (12, 23-32). Jesus ist der Erstgeborene von den Toten. Nach dem He­bräerbrief (2, 10ff) kam es ihm (Gott), um dessentwillen das All da ist und durch den es seinen Bestand hat, zu, dass er, um viele Kinder zur Herrlichkeit zu führen, den Führer zum Heil durch Leiden zur Vollendung gelangen liess. Es stammen ja der Heiligende (der Sohn, der heiligt) und die Geheiligten (die Söhne, die geheiligt werden) alle von einem. Aus diesem Grunde schämt sich Christus auch nicht, sie Brüder zu nennen, da er spricht:

109

 

»Ich will deinen Namen meinen Brüdern verkündigen. Inmitten der Gemeinde will ich dich preisen.«

      

     

Zurück zum Inhaltsverzeichnis Band IV-1