19. Kapitel

 Unverständnis der Jünger

 

Wie verführerisch trotz aller Warnungen die Aussicht auf das Reich auch für die Jünger ist, tritt in der auf die Erzählung von dem Jüngerstreit folgenden Warnung Jesu hervor.

 

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Sie machten von dem allgemeinen Missverständnis zunächst keine Ausnahme. Auch sie verwechselten die Verkündigung des Gottesreiches mit der Verheissung eines irdischen Reiches in Macht und Herrlichkeit.

Sie haben während des irdischen Lebens Jesu immer wieder den Widerspruch zwischen Jesu Reichsvorstellungen und den Erwartungen der Zeit empfunden. Sie konnten sich selbst mit Jesu Vorstellung von seinem Messiastum schwer abfinden. Das wahre Verständnis seiner selbst, seiner Worte und seiner Taten ist ihnen erst klar geworden durch die Ostererfahrung und durch die Geistsendung, also durch eine über das irdische Leben Jesu hinausführende Offenbarung. Sie standen in der nachösterlichen Zeit vor der Aufgabe, ihre Landsleute von den falschen Messiashoffnungen abzubringen und ihnen Jesus als jenen auszulegen, der trotz seines Sterbens und seiner Ablehnung durch die massgebenden religiös-politischen Instanzen der wahre von dem alttestamentlichen Gott Jahwe, an den sie alle glaubten, gesandte Messias ist. Da die Anhänger Jesu ihrerseits nur im Vertrauen der Hingabe, von dem Ostergeschehen verwandelt und von dem durch Christus gesandten Heiligen Geist aufgeklärt, den Sinn seiner Messianität erfuhren, war dies eine besondere ihnen zuteil gewordene Offenbarung.

Ganz besonders tritt der Irrtum der Jünger hervor in den Wünschen, welche sie nach den synoptischen Evangelien dem »irdischen« Jesus unterbreiteten, und in den jeder Missdeutung vorbeugenden Worten Jesu, mit welchen er dem falschen Messias-Verständnis begegnete, dass dieser nämlich leiden und sterben müsse, dass seine Sendung solches wesenhaft in sich schliesst.

Was die ehrgeizige Forderung der Jünger betrifft, so wird sie uns in drei charakteristisch voneinander ab-

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weichenden Erzählungen berichtet. Mk 10, 35-45 wird erzählt, dass Jakobus und Johannes an Jesus herantraten und sagten: »Meister, wir möchten gerne, dass du uns eine Bitte erfüllst«. Seine Antwort lautete: »Was soll ich euch denn tun!« Sie erwiderten: »Gib uns, dass wir bei deiner Verherrlichung die Plätze neben dir bekommen, einer rechts, der andere links von dir«. Jesus erwiderte: »Ihr wisst nicht, worum ihr bittet. Könnt ihr denn den Becher trinken, den ich zu trinken haben werde, und mit der Taufe getauft werden, mit der ich mich werde taufen lassen müssen?« Sie antworteten: »Ja, das können wir.« Jesus sagte darauf: »Gewiss, ihr werdet den Becher trinken, den ich trinke, und mit der Taufe getauft werden, mit der ich getauft werde. Aber die Plätze zu meiner Rechten oder zu meiner Linken zu vergeben steht mir nicht zu. Sie werden denen gegeben werden, für die sie vorgesehen sind.« Als die zehn anderen Jünger davon hörten, entrüsteten sie sich über Jakobus und Johannes. Sie mussten sich aber eine Sonderbelehrung durch Jesus gefallen lassen. Denn ihr Ehrgeiz scheint nicht geringer gewesen zu sein als der der beiden Bittsteller. Jesus sagte: »Ihr wisst: die als Herrscher der Völker gelten, schalten und walten über sie, und ihre Grossen nutzen ihre Macht gegen sie aus. Bei euch aber ist es nicht so. Sondern: Wer unter euch gross sein will, muss euer Diener sein, und wer unter euch der Erste sein will, muss aller Knecht sein. Denn der Menschensohn ist nicht gekommen sich dienen zu lassen, sondern zu dienen und sein Leben hinzugeben ats Lösegeld für viele.« Die Jünger mussten noch durch viele Verwandlungen hindurchgehen, bis sie imstande waren, Jesus als jenen Menschensohn anzuerkennen, der für seine Aufgabe leiden und sterben muss. Keiner kann nach dem Worte Jesu, wenn er zu ihm gehören will, es den

 

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Herrschern dieser Welt gleichtun. Er muss mit Tod und Verfolgung rechnen. Diese Mahnungen Jesu haben nicht nur für das Verständnis seines Lebens, sondern für die ganze Kirche grundlegende Bedeutung.

Die bei Matthäus 20, 20-28 stehendeErzählung des Vorgangs unterscheidet sich von der markinischen vor allem dadurch, dass nach Ihr die beiden Söhne des Ze-bedäus ihre Mutter vorschickten, wobei sie selbst allerdings die ebenfalls vom Missverständnis und vom Ehrgeiz eingegebenen Wünsche hatten.

Nach Lk 22, 24-30 klingen die Worte Jesu, die der Evangelist aus der gleichen Situation heraus Jesus sprechen lässt, lichtvoller, weil er die Jünger in die lichte Zukunft blicken lässt, weil also der Tadel an die Jünger ausdrücklich in eine eschatologische Orientierung gestellt wird. Der Text unterlässt auch, die Namen der so ehrgeizig hervorgetretenen zu nennen, woht aus Rücksicht auf sie. Die Stelle lautet: »Es entstand aber ein Streit unter ihnen, wer von ihnen als der Grösste gelten könne. Da sagte er zu ihnen: ,Die Könige der Völker herrschen über sie, und ihre Machthaber lassen sich Wohltäter nennen. Ihr jedoch nicht so! Sondern wer unter euch der Grössere sein will, der sei es als der Kleinste und der Führende als der Diener. Denn wer ist grösser: der zu Tische liegt oder der bedient? Doch der zu Tische liegt. Ich aber bin in eurer Mitte als der, der euch bedient. Ihr aber habt durchgehalten bei mir in meinen Versuchungen (Erprobungen): So will ich euch das Reich vermachen, so wie mein Vater es mir vermacht hat. In meinem Reiche sollt ihr an meinem Tische essen und trinken und auf Thronen Platz nehmen. Um über die zwölf Stämme Israels zu herrschen!'«

In diesen Worten wird den Jüngern in der Tat eine besondere Rolle im Reiche Gottes in Aussicht gestellt.

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Ihre Herrschaft hat aber den Sinn des Dienstes, damit ist, wie der Hinweis Jesu auf sein eigenes Leiden zeigt, Bedrängnis und Konfrontierung mit dem Reiche der Welt gemeint. Christ sein gibt es nicht ohne ausserordentliches Leiden und ausserordentlichen Einsatz.

Die den Jüngern gegebene Sonderbelehrung soll noch in allgemeinen Umrissen herausgestellt werden.

       

     

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