6. Kapitel
Naherwartung
Die Vertreter einer »konsequenten Eschatologie« versuchen von der Verzögerung her die Entwicklung der Kirche und der christlichen Theologie zu erklären. Die Aussagen Jesu über die Gegenwart und über die Zukunft des Gottesreiches enthalten in der Tat eine Spannung, die nicht in vollem Sinne aufgelöst werden kann, wenn gleich ihr, wie sogleich gesagt werden soll, »ein guter und wichtiger Sinn zugrunde liegt«. Auf keinen Fall darf man die Gegenwarts- und Zukunftsaussagen mechanisch gegeneinanderstellen und gegeneinander verrechnen. Sie verschränken sich vielmehr zum Ganzen der Verkündigung Jesu. Es ist
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offenkundig, dass Jesus auf die Datierung kein Gewicht legt. Worauf es ihm ankommt, ist die Zusage des göttlichen Heiles und die Aufforderung zur Umkehr. Gegenwarts- und Zukunftsaussage gehören in seiner Proklamation des Gottesreiches so eng zusammen, dass von dem schon gegenwärtigen Anbruch der Gottesherrschaft nie anders gesprochen werden kann als so, dass die Gegenwart die Zukunft als Heil und Gericht eröffnet, und dass andererseits von der Zukunft nie anders gesprochen wird als so, dass sie die Gegenwart erschliesst und erhellt und also das Heute als den Tag der Entscheidung Sichtbarwerden lässt (G. Bornkamp, Jesus von Nazareth, Stuttgart 1956, 84f). Die Herrschaft Gottes ist real dynamisch anwesend, wird aber erst in der Zukunft vollendet werden (R. Schnackenburg, Gottes Herrschaft und Reich, Freiburg 1959).
Man kann noch folgendes hinzufügen. Man darf wohl mit W. Pannenberg, Grundzüge der Christolo-gie, 4. Aufl. 1972, sagen, dass ohne die Verkündigung Jesu von der Nähe des Gottesreiches bzw. des Endes der Geschichte die Hoffnung auf das einmal über alle Weltreiche hinaus anbrechende und in den Wettreichen verborgen gegenwärtige Gottesreich sich im Bewusstsein der Menschen nicht hätte festhalten lassen. Die Hoffnung braucht die konkrete, wenn auch verborgene Nähe, wenn sie nicht absterben soll. Die Unsicherheit hält wach.
Diese These wird unterstützt von einer anderen, wiederum am entscheidendsten von W. Pannenberg ausgeführt, wenn auch nicht von ihm allein vertretenen Überzeugung, dass man das Ende der Welt schon in der nach ihm historisch nachweisbaren Auferweckung Jesu Christi erkennen muss. In der Auferweckung Jesu ist das Ende der Welt sichtbar gewor-
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den und vorweggenommen. W. Pannenberg versteht darum die Auferweckung als eine Prolepsis des Weltendes. So konnte Jesus mit der Aussicht auf die seinem Tode folgende Auferweckung mit Recht sagen, dass das Weltende nahe ist. Das Entscheidende ist mit der Auferweckung Jesu schon geschehen.
Die Spannung zwischen Gegenwart und Zukunft spiegelt sich auch im Glauben der Urkirche. Sie hat nach der Verkündigung und nach dem Glauben der Urkirche ihren Sitz im Leben und im Heilshandeln Jesu selbst. Wenn auch das Wort von der Gottesherrschaft allmählich zurücktritt, wird doch in allen neutestamentlichen Schritten das Heil als jenes Heil proklamiert, welches Jesus den Menschen vermittelt hat, ja, das er selbst ist, da in ihm Gott nahe ist. In diesem Sinne verlegen die neutestamentlichen Christuszeugen die Herrschaft Gottes in Jesus selbst. Die Herrschaft Gottes verwirklicht sich in der Herrschaft des Sohnes. Er ist es, der während seines irdischen Lebens im Auftrag des Vaters die Sünden vergeben hat, die Satansherrschaft gebrochen und heilschaffende Machttaten über die Natur ausgeübt hat, der jetzt als der erhöhte Herr im Heiligen Geiste das Heil schenkt. So übt Jesus, der erhöhte Herr, selbst Königsherrschaft aus bis zu dem Tage, an welchem er alles dem Vater unterwerfen wird (1 Kor 15, 28). In dieser Verkündigung wird der Ton bald mehr auf die Gegenwart, bald mehr auf die Zukunft gelegt. Dabei wird die Vergangenheit nicht übersehen. Das vom gegenwärtigen Christus vermittelte Heil, das Gott Vater den Menschen schenkt, ist gebunden an das geschichtliche Tun des Jesus von Nazaret und dessen Zuwendung durch den Heiligen Geist. Immer wieder tritt diese heilsgeschichtliche Struktur in Erscheinung. Siehe den Band über die Kirche.
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