c)
Jesu Reichsverkündigung
aa)
Neuartigkeit von Jesu Reichsverkündigung
Jesus hat die Erwartungen und Hoffnungen auf das Reich Gottes aufgenommen (Mk l, 14f), aber in radikaler Weise verwandelt und überboten. Er hat sie von jedem politisch-nationalen Aspekt befreit und ihnen eine universale Sicht gegeben. Seine Verkündigung vom Reiche, von der Herrschaft Gottes unterschied sich fundamental von derjenigen des Johannes des Täufers. Während dieser an erster Stelle zur Busse aufrief und nach Markus nur zur Busse, hat Jesus an erster Stelle die Liebe und die Barmherzigkeit Gottes verkündet. Gott erbarmt sich der Sünder. Er will sie retten. Das war für jene Zeit unerhört. Man erwartete von dem Messias eine völlig andere Botschaft. Gerade dieser Gegensatz von Erwartung und Verkündigung führte zu der Entfremdung zwischen ihm und seinen Hörern und letztlich nachdem äusseren Verlauf der Ereignisse zu seiner Hinrichtung.
Nach anfänglich hochgeschwellten Hoffnungen, mit denen seine Verkündigung von Gottes Reich begrüsst wurde, sind die Anhänger immer weniger geworden, bis die Führer in offene Feindschaft übergingen und den Tod beschlossen, in der Überzeugung, dass es im Interesse des Volkes liege, wenn Christus sterbe, damit die nationalen Reichserwartungen nicht untergraben würden, vor allem nicht die immer misstrauischen Römer einen Grund oder wenigstens einen Vorwand zum Eingreifen hätten. In einer dramatischen Szene hat sich Jesus selbst als König bezeichnet (Joh 18, 33-44), aber zugleich hinzugefügt, welcher Art sein Königtum ist. Er ist ein König der Wahrheit. Dadurch wurde die Engelsverheissung, welche nach Lukas 1, 32 mit der Ankündigung seines Kommens ver-
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bunden war, zu ihrem rechten Sinne geführt. Mit der von Jesus selbst verkündeten und durch ihn dargestellten »Wahrheit« verbindet sich die Liebe. Die »Wahrheit« ist ja nichts anderes als das enthüllte Gottesgeheimnis. Die Herrschaft Gottes ist demgemäss eine Herrschaft der Wahrheit und der Liebe und dient so dem menschlichen Heil. Indem Christus das Ungötttiche, die Unheilsmächte (Satan, Krankheit, Tod) angriff und die Sünde, die Gottesferne wegnahm, indem er die Sünder zur Umkehr aufrief (Mt 9,13; Mk 1, 27-45; 2), richtete er die Gottesherrschaft auf. Dies bedeutete für den Menschen zugleich die Befreiung zur wahren Freiheit, zu jener Freiheit, in welcher der Mensch nicht mehr ein Sklave seiner Selbstsucht und seines Hochmutes ist. Christus richtete die Gottesherrschaft auf, indem er suchte und heilte, was verloren war (Lk 19,10). Er setzte sich mit den verachteten Zöllnern, an einen Tisch, d.h. er nahm Gemeinschaft mit ihnen auf.