b) Die Essener

 

Durch die 1947 gemachten Textfunde von Qumran ist eine sehr bedeutsame, wenn auch nicht grosse Gemeinde bekannt geworden, jene der Essener. Sie entstand wohl im letzten Viertel des 2. Jahrhunderts v.Chr. Die Essener blieben dem Tempelkult fern. Ihre Lehre war bestimmt von dem Glauben an die bevorstehende Endzeit. Johannes der Täufer (in den Jahren 27-28 n.Chr.) drückt sich in seiner Predigt in ihrem Sinne aus (Mt 3, 7): Das Endgericht steht vor der Türe. Die Essener unterschieden sich von den Pharisäern dadurch, dass sie sich in besonderen Niederlassungen absonderten. Für sie war das geschriebene Gesetz allein massgebend. Dies allerdings musste radikal erfüllt werden. Die Pharisäer wurden von den Essenern gelegentlich als Heuchler gebrandmarkt, weil sie zwar strikte

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Gesetzeserfüllung verlangten, aber manche kleine Erleichterungen boten. Die Essener verstehen sich als die Gemeinde des Neuen Bundes, als die Söhne des Lichtes, als die Erwählten.

Manche Aussprüche Jesu stehen der Eschatologie der Essener nahe. Im Ganzen jedoch ist das Klima der Verkündigung Jesu völlig verschieden von der essenischen Lehre. Während in dieser aufgefordert wurde, alle »Söhne des Lichtes« zu lieben, aber alle »Söhne der Finsternis« zu hassen, befahl Jesus ausdrücklich auch die Feindesliebe. Ausserdem lehnten die Essener entgegen den Pharisäern jede Erleichterung in Bezug auf die Einhaltung des Gesetzes strikte ab. Nicht einmal die Lebensgefahr konnte es rechtfertigen, ein Gesetz zu brechen. Jesus hingegen erklärte: »Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat« (Mk 2,27).

Man hat oft Vergleiche angestellt zwischen dem Lehrer Jesus und dem unbekannten »Lehrer der Gerechtigkeit« der Qumrangemeinde, welche seit der Mitte des 2. vorchristlichen Jahrhunderts bis zum Jahre 68 n. Chr. mit kurzer Unterbrechung nahe der Nordwestecke des Toten Meeres lebte und zu Beginn des jüdischen Krieges (66-70) ihre Bibliothek in den benachbarten Felsenhöhlen verbarg. Man war gelegentlich der Meinung, dass der »Lehrer der Gerechtigkeit« wesentliche Punkte des apostolischen Christusglaubens bis zur Trinitätslehre hin vorweggenommen habe. Inzwischen wurde nachgewiesen, dass diese Thesen willkürlich und unhaltbar sind. Dennoch gibt es manche Gemeinsamkeiten. Der Lehrer der Gerechtigkeit beanspruchte prophetischen Geistesbesitz. Er hat seine Gesetzesauslegung von Gott selbst ins Herz geschrieben bekommen. Deshalb fordert er von seinen Anhängern uneingeschränkten Gehorsam. Die Unter-

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schiede sind jedoch fundamental. Während er sich nur als Ausleger der vorgegebenen abgeschlossenen Gottesoffenbarung weiss und etwa die Aufhebung der Ritualgesetze für ihn vollständig unvollziehbar gewesen wäre, hat Jesus gerade die rituelle Reinheit als religiös wertlos zu erklären gewagt. Vor allem gibt es keine Parallelen zu den Ich-Aussagen sowie zu der Amenformel Jesu. Das Hoheitsbewusstsein Jesu überschreitet jeden Anspruch des Gesetzes. Jesus wollte offensichtlich ungleich mehr sein und war ungleich mehr als ein jüdischer Schriftgelehrter. So lässt denn auch Matthäus die Jünger Jesus nie mit den Worten »Prophet« oder »Rabbi« (vgl. Mt 26, 25. 40) ansprechen, sondern mit dem Worte »Kyrie« (Herr: Mt 26, 22). Er will damit offenbar hervorheben, dass Jesus nicht ein Lehrer im jüdischen Sinn ist, sondern der Herr der Seinen, ja der göttliche Herr im Sinne des Gottesnamens der griechischen Übersetzung des Alten Testamentes. Als Lehrer erscheint Jesus nur in den Augen der Fremden und im Gespräche mit den Fremden, die nicht wissen, was er eigentlich ist.

         

       

  

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