17.
Kapitel
Die Entstehung der Evangelien
a)
Die Evangelien als Glaubenszeugnisse
Für die notwendige Interpretation der neutesta-mentlichen Schriften, namentlich der Evangelien, ist ihr Chrarakter als Glaubensbericht von grundlegender Bedeutung. Darauf soll, wenngleich es in Band 1 hinreichend erörtert wurde, noch einmal ausdrücklich hingewiesen werden. Für die sachgemässe Auslegung des Neuen Testamentes bzw. der Evangelien muss die Art ihrer Entstehung beachtet werden, wenn man nicht zu irrigen oder sogar phantastischen Auslegungen kommen will.
Die Evangelien sind in einem Dreischritt zusammengekommen. Der erste Schritt waren die Worte und die Taten Jesu selbst, welche die Jünger erlebt, gesehen und gehört haben. Der zweite Schritt war die Überlieferung des an Jesus Erfahrenen und von ihm Gehörten in den Gemeinden. Hierbei wurden alle die Faktoren wirksam, die schon genannt wurden (siehe Bd. I, 1). Die Weitergabe konnte schriftlich oder mündlich geschehen. Naturgemäss bildeten sich bald kleine mündliche oder schriftliche Texteinheiten, in welchen Aussprüche oder Heilshandlungen Jesu zum Zwecke der Verkündigung zusammengestellt wurden. Es formten sich Überlieferungskomplexe. Einen grösseren einheitlichen Zusammenhang bildete dabei die Passionsgeschichte. Ihre besondere Eigentümlichkeit ist aus ihrem theologischen Gewicht verständlich und zeigt sich im grossen ganzen in ihrer Einheitlichkeit.
Diese Situation soll an einem Beispiel erläutert werden. Die Jünger, vor allem die Apostel und die Verfas-
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ser der Evangelien haben begreiflicherweise und selbstverständlich den Eindruck der Persönlichkeit sowie der Worte und Handlungen Jesu in einer ihren Hörern und Lesern zugänglichen Weise darstellen müssen, wenn sie bei diesen ankommen wollten. Sie mussten auch manchmal erklärende Zusätze machen oder eine vom Worte Jesu abweichende Wortwahl vornehmen. Gerade so übermittelten sie das, was Jesus sagen oder zeigen wollte. So darf man z.B. das Wort »Lösegeld« (lutron) als eine nachösterliche Fortbildung (Mk 10, 45; Mt 20, 28; bei Lk 22, 24-27 fehlt das Wort), das Mk und Mt Jesus in den Mund legen, für die Ankündigung seines Heilstodes im Sinne des von ihm von sich selbst behaupteten »Dienstes« an dem Heil der der Sünde verhafteten Menschen verstehen. Man könnte darauf hinweisen, dass Jesus zwar heilswirksam starb, aber keine theologische Theorie hierüber entwickelte (vgl. X. Léon-Dufour, La mort rédemptrice du Christ selon le N.T.: La mort pour nos péchés, 1967). Die Evangelisten nahmen dabei auch Texte aus dem A.T. in den Dienst des Glaubens (z. B. Sühneopfer. Siehe J. Ratzinger, Das neue Volk Gottes. Entwürfe zur Ekklesiologie, 1970.).