18. Kapitel
Das
Missverständnis der Hörer
als Notwendigkeitsgrund für die Interpretation
Ein besonderer Grund für die Notwendigkeit der Interpretation der Botschaft Jesu, insbesondere der Botschaft vom Reiche Gottes und von den sie bestimmenden Gleichnissen liegt darin, dass die Hörer Jesu sie vielfach nicht verstanden oder wenigstens missdeuteten, dass sie aus der Proklamation Jesu, trotz ihres rein theozentrischen Charakters eine politische heraushören zu können glaubten. Dies bedeutet: Sie verstanden Jesus als den Messias, welcher die alte Reichsherrlichkeit erneuern und die römische Herrschaft abschütteln wollte.
Wenn es auch von Anfang an die Absicht des Matthäus-Evangeliums ist, zu zeigen, dass Jesus der Messias ist, der die grosse tiefgreifende Wende im Gottver-
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hältnis der Menschen und in ihrem gegenseitigen Verhältnis herbeiführt, so wird dies doch erst, und zwar auf die Frage Jesu hin, im Bekenntnis des Petrus ausgesprochen. Dies ist ihm von Gott eingegeben. Es ist nicht einfachhin das äussere Hören und Sehen der Worte und der Machttaten Jesu. Petrus nennt in seinem klaren Bekenntnis die zwei Grundworte für das Wirken und die Würde Jesu (Messias, griechisch: Christus, der vom Heiligen Geist Gesalbte, und Sohn Gottes). Jesus widerspricht nicht, er weist also seine Kennzeichnung als Messias nicht einfach ab, sondern nimmt die ihm zuteil gewordene Bezeichnung stillschweigend an, korrigiert aber sogleich deren eventuelles, bloss innerweltliches bzw. politisches Verständnis (vgl. Mt 6, 14; Mt 11, 2ff).
Die zahlreichen Texte, in denen das Unverständnis bzw. das Missverständnis der Hörer Jesu hervortritt, sind etwa Stellen wie Mk 4, 10-13; 6, 14f; 13, 1-23; vgl. Jes 6, 9f; Joh 12, 48; Apg 28, 26. (Siehe N. Brox, Das messianische Selbstverständnis des historischen Jesus, in: H. Schubert, Vom Messias zu Christus, 1964, 165-201).