3. Kapitel

 Christus in der marxistischen Philosophie

  

Eine spezielle Rolle spielt Jesus in der marxistischen Philosophie. Hervorgehoben seien die Autoren Roger Garaudy, Ernst Bloch, Milan Machowec, Leszek Kolakowski. Aus dem Werke von Garaudy soll ein Text angeführt werden, den Fries erwähnt: »Dieses Leben, dieser Tod ist uns Menschen über die zeitbedingte Form des Bildes hinaus das höchste Modell der Freiheit und der Liebe, der Offenheit für eine unendliche Bestimmung. Die wunderbare Konzeption der christlichen Liebe, nach der ich mich selbst nur durch den anderen und in ihm verwirklichen kann, ist für mich das höchste Bild, das der Mensch über sich selbst wie über den Sinn seines Lebens entwerfen kann. Die Grösse der Religion besteht in der Frage nach dem Menschen und in der Erweckung der die Menschen bestimmenden Fragen über den Sinn ihres Lebens und ihres Todes, über das Problem ihres Ursprungs und ihres Zie-

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les, über die Forderungen ihres Denkens und ihres Herzens. Die marxistische Kritik verwirft die illusorischen Antworten, aber nicht das wirkliche Sehnen, das sie hervorgerufen haben.«

Machovec sagt in seinem Werke »Jesus für Atheisten?«, dass Jesu Verhältnis zu seinem Vater, Jesu Verkündigung von Gottes Herrschaft und Reich von allen Formen einer religiös verstandenen Transzendenz gelöst und auf den Menschen allein ausgelegt werden muss — allerdings auf den Menschen in allen seinen Dimensionen, vor allem hinsichtlich der Menschheit sowie hinsichtlich der Zukunft als dem eigentlichen Namen für Transzendenz. In einer, wie er nachdrücklich hervorhebt, interpretierenden Übersetzung, bzw. nach Ablegung des zeitgebundenen mythischen Gewandes kann man nach Jesu Botschaft vom Reiche Gottes so formulieren: »Lebt anspruchsvoll; denn vollkommene Menschheit ist möglich. Sie ist nahe, d.h., man kann sie greifen, man kann mehr Mensch sein und zwar durch eigenes Zutun. Anders gesagt: Niemand zwingt dich, niedrig, gemein, feig, egoistisch, verdinglicht zu leben. Immer hat man die Möglichkeit, sei es auch in Ketten, sein Bewusstsein und seine Haltung nicht auf die eigene Not zu reduzieren ... sich emporzuheben, anders zu sein, sich innerlich zu wandeln, sich strebend um das Königreich Gottes zu bemühen und damit zu ihm zu gehören.« Jesus habe sich mit seiner Botschaft vom Reiche Gottes völlig identifiziert und so mit seinem ganzen Wesen die Zukunft verkörpert.

Der aus Polen emigrierte Philosoph und bekannte Hegelforscher Kolakowski hat die von Jesus proklamierten und verwirklichten Werte vor allem in dem von ihm geschaffenen »Liebesbunde« gesehen, der innerhalb menschlicher Beziehungen an die Stelle des

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Vertrags- und Interessenbundes treten soll. Der Lie-besbund gewährt den tiefsten Grund solidarischen Zusammenlebens für alle Menschen. Jesus habe seine Botschaft von der Liebe in der Form der Gewaltlosigkeit universalisiert. Die Welt brauche daher das Christentum. Anders können einige wichtige Aufgaben nicht gelöst werden.

Ernst Bloch erklärt in seinem Hauptwerk »Das Prinzip Hoffnung«, dass durch die Gestalt des Menschensohnes die Utopie des Menschenmöglichen herbeigeführt werde, dessen Kern und Brüderlichkeit habe Jesus vorgelebt. Man könne den Tod Jesu nicht einen freiwilligen Opfertod nennen, nicht als Sühne und Lösegeld für die Sünde der Menschen bezeichnen. Der wirkliche Jesus sei als Märtyrer und Rebell gestorben. Das Kreuz sei die Katastrophe für den Jesus, der kein Jenseits für die Toten, sondern einen neuen Himmel und eine neue Erde für die Lebenden gepredigt habe.

     

      

    

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