cc) Bultmanns Erklärung
Wegen seines grossen, wenn auch heute zurückgegangenen Einflusses soll der Erklärungsversuch R. Bultmanns skizziert werden. Seine Thesen verfolgten nicht die Absicht, den christlichen Glauben zu desavouieren oder zu überwinden, sondern in neuer Gestalt den heutigen Menschen zugänglich, erträglich und sinnvoll zu machen. Bultmann geht dabei von dem anthropologisch-philosophisch-theologischen Apriori aus, dass der Mensch nach seinem heutigen Selbstverständnis den Eingriff supranaturaler Mächte in die Geschichte aufgrund eines naturwissenschaftlichen Weltverständnisses bzw. Weltbildes nicht anzunehmen vermag, sondern alle derartigen Aussagen mythologisch versteht. Diese mythologische Aussage müsse daraufhin befragt werden, was sie für das Selbstverständnis des
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Menschen hergibt. Eine andere Voraussetzung Bult-manns besteht in der These, dass die biblische Offenbarung keine Mitteilung von Wahrheiten und Lehren (keine Orthodoxie), sondern einen Anruf zum Existenzvollzug (Orthopraxie) darstellt, dass daher der Mensch das Wort der Bibel nur in der persönlichen Entscheidung recht hören kann. Ferner ist Bultmann aufgrund seiner form- und traditionsgeschichtlichen Exegese davon überzeugt, dass die »Legende vom leeren Grab« und die Ostergeschichten, die von Demonstrationen der Leibhaftigkeit des Auferstandenen berichten, spätere Bildungen sind (wobei er allerdings den Paulustext 1 Kor 15, 3-8 als »fatal« bezeichnet und ihn als Zugeständnis des Apostels, an die Apologetik gegenüber dem Gnostizismus versteht).
Auf der Basis dieser Voraussetzungen erklärt Bultmann, dass geschichtlich greifbar nur der Osterglaube der Jünger sei. Dieser sei nichts als der Glaube an das Kreuz als Heilsereignis. Dass aber das Kreuz Heilsereignis ist, ereignet sich nur in der Verkündigung und in deren gläubiger Annahme. Christus begegnet uns als der Gekreuzigte und Auferstandene im Worte der Verkündigung und nur in ihm. Eine Rückfrage nach dem hinter der Verkündigung stehenden Ereignis würde diese und den Glauben zerstören. Er sei auferstanden in das Wort hinein.
Der Glaube an das Wort von der Auferstehung sei in Wahrheit der Osterglaube. Die ersten Jünger seien zu ihrem Osterglauben gelangt durch Reflexion auf ihre ehemalige Verbundenheit mit Jesus. Im übrigen sei die Frage nach der Entstehung des Osterglaubens der Jünger oder nach dem hinter dem Glauben der Jünger stehenden Ereignis völlig unwichtig.
Für das Verständnis der Auferweckung bzw. Auferstehung Jesu ergibt sich also nach Bultmann folgende
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Ansicht: Die Auferstehung ist auf keine Weise ein Ereignis oder ein Vorgang »an sich«, sondern nur und ausschliesslich ein Ereignis »für den Menschen« und in den Menschen (nicht an Jesus) und zwar für den einzelnen. Es gibt kein objektives Heilsgeschehen und keine objektive Heilswirksamkeit, die in der Auferstehung Jesu selbst läge. Jesus ist vielmehr nur »auferstanden« in das Wort der Verkündigung durch die Kirche und in den Glauben des Einzelnen hinein. Die so verkündigte und geglaubte Auferstehung zielt darauf, dass der Einzelne von der pervertierenden Selbstbehauptung gegenüber Gott und seinen Mitmenschen befreit wird, dass er sich von allen Drangsalen und Sünden erhebt zu neuer Hoffnung und neuem Vertrauen. Der Zusammenhang mit Jesus besteht darin, dass sich in mir im Blicke auf ihn die Überzeugung bildet, Gott selbst habe an Jesus für mich gehandelt und befreie mich aus der Macht der Selbstgerechtigkeit zu der Kraft der Liebe. Konsequenterweise hat auch das Kreuz keine objektive Heilsbedeutung. Diese bekommt es nach Bultmann vielmehr nur dadurch, dass der Mensch im Glauben die Hoffnung wider die Hoffnung vollzieht. Bultmann erklärt: »Die Hoffnung weiss, dass sie hofft, sie weiss aber nicht, worauf sie hofft.«
Diese Gedankengänge Bultmanns wurden von seinen Schülern im Kerne beibehalten, aber in verschiedenen, z.T. kritischen Abwandlungen weitergeführt.
Man muss Bultmann zustimmen, dass die Aufer-weckung kein rein »historisches« Ereignis ist, das sich der Geschichtsforschung wie sonstige historische Ereignisse anbietet, ebenso darin, dass sie nicht im strengen Sinne ein »Beweis« für das Christentum ist oder selbst streng bewiesen werden könne, endlich darin, dass die Auferweckung heilswirksam wird nur durch die Verkündigung und im und durch die Annahme im
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Glauben (Röm 10, 16). Er steht jedoch im Widerspruch zur Schrift, wenn er das Zeugnis des Apostels Paulus (1 Kor 15) für die Wirklichkeit des Auferstehungsereignisses ausklammert — er nennt dies selbst fatal — und wenn er die durch die Schrift gebotene reale Begründung des Auferstehungsglaubens der Jünger als des Glaubens an den auferstandenen und deshalb lebenden Herrn durch die Erscheinungen nicht gelten lässt.