0 Gott, komm mir zu Hilfe

Das immerwährende Gebet bei Johannes Cassianus

  Das immerwährende Gebet in der Praxis

 

Priester und Ordensleute beten täglich mehrmals den Einlei­tungsvers zu den Hören: 0 Gott, komm mir zu Hilfe; Herr, eile, mir zu helfen. Woher dieser Vers kommt, soll im folgen­den aufgezeigt werden. Durch die Pflege des immerwähren­den Gebetes wird Gott für uns eine Realität, so daß in uns, trotz der täglichen Hetze und drückenden Sorge eine Ruhe, die aus dem Herzen kommt, aufsteigen kann. Bei unserem Suchen nach innerer Ruhe sind die Anweisungen und Erfah­rungen der Mönchsväter für unsere Zeit aktueller denn je.

 

Inhalt

Vorwort

I. »Betet ohne Unterlaß«, Eine Aufforderung der Heiligen Schrift

1. Altes Testament

2. Neues Testament

II. II.  Das immerwährende Gebet bei den Vätern bis Cassianus

1. »Meditatio« und »Ruminatio«

2. Cyprian von Karthago

3. Basilius der Große

4. Abbas Lukios

5. Makarius der Ägypter

6. Johannes Chrysostomus

7. Sulpicius Severus

8. Augustinus

III. III. O Gott, komm mir zu Hilfe; Herr, eile, mir zu helfen (Ps 69,2).

IV. IV. Das immerwährende Gebet des Johannes Cassianus – eine Hilfe für uns.

1. Inhalt und Auslegung von Psalm 69 .......

2. Auswirkungen auf das Gebet der Kirche

3. Das Ideal des immerwährenden Gebetes.

 

 

Im EOS Verlag erschien eine zweibändige Festschrift für Prof. DDr.Dürig: H.Becker und R. Kaczynski: Liturgie und Dichtung. Ein interdisziplinäres Kompendium mit 65 Wissenschaftlern.

Nur mit Mühe konnte mich Prof. DDr. H. Becker überreden, daß ich trotz meines großen Arbeitspensums als Verlags- und Druckerei- Direktor einen Artikel übernehme. Ich muß ihm aber dankbar sein, daß er mich genötigt hat Das Gebet „o Gott, komm mir zu Hilfe“ wurde für mich ein Gebet, das mir sehr, sehr geholfen hat.

Der Festschrift für meinen Lehrer Prälat Prof. DDr. Walter Dürig ist der vorliegende Artikel entnommen; dort ist auch der wissenschaftliche Apparat. Der hier abgedruckte Artikel ist als Büchlein „O Gott, komm mir zu Hilfe“ gedruckt worden. Die 4.Auflage von 1993 ist längst vergriffen. Leicht gekürzt ist der Artikel als Meditationsblatt (8seitig mit 4farbigem Bild) beim Autor noch erhältlich. Durch das Internet ist jetzt die Möglichkeit gegeben, dieses wertvolle Gebet allen Menschen zugänglich zu machen. Wie sehr dieses immerwährende Gebet des Johannes Cassianus geschätzt wird konnte ich vielfach erfahren: Ich kam gerade dazu, wie eine graduierte Psychotherapeutin im Verlag 100 Büchlein kaufte. Ich war etwas erstaunt. Sie gab mir zur Antwort: Wenn ich am Ende bin, dann gebe ich meinen Patienten dieses goldene Büchlein. 

Vorwort zur zweiten Auflage des 60seitigen Büchleins.

Dieses Büchlein, das aus einem Versprechen heraus veröffentlicht wurde, hat vielen Menschen in ihrer Not geholfen. Aus den ver­schiedenen Briefen und Anfragen möchte ich vor allem auf einen Punkt eingehen. Im Vater unser beten wir: Dein Wille geschehe. Christus hat uns am Olberg gezeigt, daß wir uns in den Willen Gottes fügen sollen. Jesus »warf sich zu Boden und betete: Mein Vater, wenn es möglich ist, gehe dieser Kelch an mir vorüber. Aber nicht wie ich will, sondern wie du willst« (Mt 26,39). Bei aller Erhörungs-süchtigkeit der Menschen — ich möchte damit das flehentliche Gebet der Menschen nicht gering schätzen; jeder durfte wohl schon Gebetserhörungen erfahren haben- muß der geistliche Mensch lernen, Leid zu tragen. Christus sagt so einfach und schlicht: »Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach« (Mk 8, 34). Wenn ein Mensch an den Rand seiner menschlichen Persönlichkeit ge­drückt wird, so besteht die Gefahr des Scheiterns, oder aber, er wird das Wort Jesu von der Kreuzesnachfolge in seinem Herzen verstehen, wobei der Glaube an die Auferstehung lebendig wird. Danken möchte ich P. Dr. Caelestis Eichenseer, der mir half, die lateinischen Zitate zu übersetzen, so daß das Büchlein einen grö­ßeren Leserkreis finden kann. Dr. P. Bernhard Sirch OSB.  

 

 

I. »Betet ohne Unterlaß« (1 Thess 5,17), eine Aufforderung der Hl. Schrift.

1. Altes Testament

Das immerwährende Meditieren heiliger Texte ist bereits im Al­ten Testament in Übung gewesen und wird auch heute noch in jüdischen Schulen eingeübt, womit dabei häufig auch ein Ge­räusch und Kopfnicken verbunden ist. Für uns ist dieses Verhalten manchmal unverständlich, so daß sich das Sprichwort entwickeln konnte: »Da geht es zu wie in einer Judenschule.« Wie jedoch aus dem zu behandelnden Begriff »Ruminatio« zu ersehen ist, hatte im frühen Mönchtum das halblaute Murmeln von auswendig ge­lernten Schrifttexten vor allem das innere Aufnehmen des Wortes Gottes zum Ziele. Im Buch Deuteronomium lesen wir eine An­weisung, wie sie später, vor allem bei Cassianus, teilweise über­nommen wurde:

»Höre, Israel! Jahwe, unser Gott, Jahwe ist einzig. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft. Diese Worte, auf die ich dich heute ver­pflichte, sollen auf deinem Herzen geschrieben ste­hen. Du sollst sie deinen Söhnen wiederholen. Du sollst von ihnen reden,

wenn du zu Hause sitzt und wenn du auf der Straße gehst, wenn du dich schlafen legst und wenn du aufstehst. Du sollst sie als Zeichen um das Handgelenk binden. Sie sollen zum Schmuck auf deiner Stirn werden. Du sollst sie auf Türpfosten deines Hauses und in deine Stadttore schreiben« (Dt 6,4ff). Hier wird deutlich, daß das ständige Denken an Gott auf den ganzen Lebensbereich des Menschen ausgedehnt ist und nicht auf den Kirchenraum oder auf bestimmte Stunden des Gebetes eingeschränkt ist.

2. Neues Testament

»Betet ohne Unterlaß« (1 Thess 5,17) ist die Mahnung des hl. Paulus. Jesus mahnt uns im Gleichnis vom gottlosen Richter und der Witwe, daß wir »allezeit beten und darin nicht nachlassen sollten« (Lk 18,1). »Sollte Gott seinen Auserwählten, die Tag und Nacht zu ihm schreien, nicht zu ihrem Recht verhelfen, sondern zögern?« (Lk 18,7). An die Römer schreibt Paulus: »Laßt nicht nach in eurem Eifer, laßt euch vom Geist entflammen und dient dem Herrn! Seid fröhlich in der Hoffnung, geduldig in der Bedrängnis, beharrlich im Gebet!« (Rom 12,11.12). Den Ephesern empfiehlt Paulus: »Hört nicht auf zu beten und zu flehen! Betet jederzeit im Geist, seid wachsam, harrt aus und bittet für alle Heiligen, auch für mich« (Eph 6,18). Ähnlich wie den Ephesern, empfiehlt Paulus auch den Kolossern das Gebet und das Fürbittgebet: »Laßt nicht nach im Beten, seid dabei wachsam und dankbar! Betet auch für uns« (Kol 4, 2.3).

Wie schwierig das ständige Gebet ist, wird vor allem deutlich am Ölberg: »Dann verließ Jesus die Stadt und ging, wie er es ge­wohnt war, zum Ölberg, seine Jünger folgten ihm. Als er dort war, sagte er zu ihnen: Betet darum, daß ihr nicht in Versuchung geratet! Dann entfernte er sich von ihnen ungefähr einen Stein­wurf weit, kniete nieder und betete: Vater, wenn du willst, nimm diesen Kelch von mir! Aber nicht mein, sondern dein Wille soll geschehen. Da erschien ihm ein Engel vom Himmel und gab ihm (neue) Kraft. Und er betete in seiner Angst noch inständiger, und sein Schweiß war wie Blut, das auf die Erde tropfte. Nach dem Gebet stand er auf, ging zu den Jüngern zurück und fand sie schlafend; denn sie waren vor Kummer erschöpft. Da sagte er zu ihnen: Wie könnt ihr schlafen? Steht auf und betet, damit ihr nicht in Versuchung geratet« (Lk 22, 39—46). In der gesamten christli­chen Literatur und vor allem in der Mönchsliteratur tritt immer wieder das Problem des immerwährenden Gebetes in den Vorder­grund. Da die ersten Christen selbstverständlich in das jüdische Gebetsleben einbezogen waren (Apg 3, 1: »Petrus und Johannes gingen um die neunte Stunde zum Gebet in den Tempel hinauf«), hat von Anfang an das Psalmengebet eine wesentliche Rolle im Gebetsleben der ersten Christen gespielt. Neben dem Psalmenge­bet ist aber auch das freie Gebet üblich gewesen: »Singt Gott in eurem Herzen Psalmen, Hymnen und Lieder, wie sie der Geist eingibt« (Kol 3, 16).  

 

II. Das immerwährende Gebet bei den Vätern bis Cassianus

1. »Meditatio« und »Ruminatio« (= Wiederkäuen, beständig mit dem Wort Gottes umgehen)

Es müßte hier die ganze Literatur verarbeitet werden, die sich mit diesen beiden Begriffen befaßt. Da der Begriff »Ruminatio« vie­len unbekannt ist, aber im frühen Mönchtum doch eine große Rolle spielt, sei er hier kurz erwähnt. »Ruminare« bedeutet so viel wie »wiederkäuen«. Nach Lev 11,3 und Deut 14,6 gelten die Wiederkäuer als reine Tiere. Die reinen, wiederkäuenden Tiere werden im frühen Mönchtum und auch später zum Sinnbild der Gottesfürchtigen, die unablässig in ihrem Herzen über das Gesetz des Herrn nachsinnen. »Ein koptisch überliefertes Apophthegma des Einsiedlers Antonius schmückt das Bild vom Wiederkauen durch einen drastischen Vergleich aus: ,Das Kamel braucht nur wenig Nahrung: Es bewahrt sie in sich auf, bis es in seinen Stall kommt; dann läßt es sie wieder heraufsteigen und kaut sie wieder, bis sie in seine Knochen und in sein Fleisch eindringt. Aber das Pferd braucht viel Nahrung; es frißt zu jeder Stunde und verliert sofort wieder, was es gefressen hat. Also denn: Laßt uns nicht sein wie das Pferd! Das heißt: Wir rezitieren zu jeder Stunde das Wort Gottes, aber wir verwirklichen es nicht. Nehmen wir uns ein Beispiel am Kamel, indem wir jedes Wort der Heiligen Schrift rezitieren, es in uns bewahren, bis wir es verwirklicht haben.' Es ist also möglich, daß jemand den ganzen Tag Psalmen rezitiert, ohne daß das Wort in ihm wirksam wird. Das Wort Gottes muß im Innern bewahrt werden, wie das Kamel seine Nahrung spei­chert und wiederkaut, damit das Wort schließlich in Fleisch und Blut übergeht und so von innen her im konkreten Leben zum Tra­gen kommt. Dabei kommt es nicht auf die Menge der Texte an, sondern auf das gute Wiederkauen und Verdauen.

Unter dem Namen des Makarios des Großen ist ein Apophthegma überliefert, in dem das gleiche Bild verwendet wird, allerdings nicht bezüglich der meditatio der Schrift, sondern im Rahmen ei­ner Erläuterung über das Jesusgebet: ,Mache es dem Tiere gleich, das seine Nahrung noch einmal in den Mund zieht und das Ange­nehme des Wiederkauens verspürt, bis es die Nahrung wieder zu­rückgehen läßt in den Magen und dadurch Wohlbefinden auf sein ganzes Innere ausströmt. Siehst du nicht die Zufriedenheit auf seinem Gesicht über dieses angenehme Empfinden strahlen?«

2. Cyprian von Karthago (gest. 258)

Bei Cyprian wird deutlich, daß die Gebetszeiten häufiger gewor­den sind. Das Gebet bei Tag und Nacht wird im Hinblick auf un­sere Berufung im Himmel gesehen: »Für uns sind außer den von alters her beobachteten Stunden jetzt nicht nur die Gebetszeiten zahlreicher geworden, sondern auch die geheimnisvollen Bezie­hungen des Betens haben sich vermehrt. Denn auch in der Frühe muß man beten, um die Auferstehung des Herrn in der Mor­genandacht zu feiern ... Deshalb sollen wir, die wir in Christus sind, d.h. in der wahren Sonne und im wahren Tag, auch den gan­zen Tag über dem Flehen und dem Gebet obliegen. Und wenn dem Weltgesetz folgend die Nacht in stetem Wechsel wiederkehrt und den Tag ablöst, so kann den Betenden auch die nächtliche Finsternis keinen Abbruch tun, weil es für die Kinder des Lichtes auch in der Nacht Tag ist ...

 

3. Basilius der Große (gest. 379)

Bei Basilius wird deutlich, daß das Gebet nicht in Silben aufgehen soll, sondern unser ganzes Leben soll Gebet sein: »Gebet ist die Bitte um eine Gabe, die der Gläubige an Gott richtet. Diese Bitte äußert sich aber durchaus nicht bloß in Worten. Wir nehmen ja nicht an, daß Gott mit Worten an etwas erinnert werden muß; er weiß ja, was uns frommt, auch ohne daß wir bitten. Was wollen wir damit sagen? Daß unser Gebet nicht in Silben aufgehen darf, sondern daß die Kraft des Gebetes mehr in der Gesinnung der Seele und in tugendhaften Handlungen ruht, die sich auf das ganze Leben erstrecken. ,Denn möget ihr essen', sagt Paulus, .oder trinken oder sonst ewas tun: tut alles zur Verherrlichung Gottes!' (1 Kor 10,13).

Damit unser Herz niemals aufhört an Gott zu denken, müssen wir vor allem immer den Willen Gottes vor Augen haben. »Im Eifer für das Werk, das wir nach Gottes Willen tun, verbinden wir uns aber in Gedanken mit Gott. Ein Schmied wird bei seiner Arbeit, wenn er etwa eine Axt anfertigt, an seinen Auftraggeber denken und den Gedanken an ihn wachhalten.. . Genauso verhält es sich auch beim Christen. All sein Handeln, das Große wie das Kleine, richtet er nach dem Willen Gottes«. Ausgehend vom Schriftwort »Der Arbeiter ist seiner Nahrung wert« (Mt 10,10) und dem Apo­stelwort, daß der, der nicht arbeitet, auch nicht essen soll (vgl. 2 Thess 3,10) betont Basilius das Gebet während der Arbeit: »Jedes Ding hat seine Zeit (Koh 3,1). Nun ist für das Gebet und die Psalmen wie für manch anderes Tun jede Zeit geeignet. Denn während die Hände bei der Arbeit sind, kann man mit der Zunge, wenn das möglich und zur Auferbauung der Gläubigen auch pas­send ist, oder wenigstens mit dem Herzen Gott durch Psalmen, Hymnen und geistliche Lieder preisen, wie geschrieben steht (vgl. Kol 3,16). So kann man während der Arbeit die Pflicht des Ge­betes erfüllen ... Wir werden aber auch dann unsere Seele gesam­melt halten, wenn wir bei jeder Arbeit Gott um ihren guten Fort­gang bitten, ihm dafür danken, daß er uns zu arbeiten gegeben hat, und den Zweck, nämlich ihm zu gefallen — wie schon gesagt wurde — nicht aus dem Auge lassen. Wenn wir das nicht beach­ten, wie sollen dann die Worte des Apostels zusammenpassen: .Betet ohne Unterlaß' (1 Thess 5,17) und: .Tag und Nacht bei der Arbeit?“ (2 Thess 3,8).

 

4. Abbas Lukios

Ähnlich wie Basilius betont auch Abbas Lukios den Wert der Ar­beit. Das Gebet allein genügt nicht. Mönche, die einem Spiritua­lismus huldigten und jede Arbeit ablehnten — man nannte sie Euchiten (Beter) — kamen zum Abbas Lukios. Der Greis fragte sie: »Worin besteht euer Handwerk?«. Sie antworteten: »Wir rüh­ren mit keinem Finger an ein Handwerk, sondern, wie der Apostel sagt, wir beten unaufhörlich« (1 Thess 5, 17). Darauf sprach der Alte zu ihnen: »Eßt ihr nicht?« Sie antworteten: »Doch!« Er sagte zu ihnen: »Wenn ihr also eßt, wer betet inzwischen für euch?« Wiederum sprach er: »Schlaft ihr nicht?« Sie sagten: »Doch.« Und der Greis darauf: »Wenn ihr also schlaft, wer betet indessen für euch?« Darauf wußten sie keine Antwort zu geben. Er sprach zu ihnen: »Verzeiht mir, aber ihr tut nicht, was ihr sagt. Ich aber will euch zeigen, daß ich trotz Verrichtung meiner Handarbeit unablässig bete« (Weisung der Väter, Apophthegmata Patrum, eingeleitet und übersetzt von Bonifaz Miller, S. 156).

5. Makarius der Ägypter (gest. 390)

Kurze Stoßgebete, meist abgeleitet aus der Heiligen Schrift, sind im frühen Mönchtum gebräuchlich gewesen: »Man fragte Abba Makarios: Wie soll man beten? Der Ehrwürdige antwortete: Es ist nicht notwendig, sich in Worten zu verlieren; es genügt, die Hände auszubreiten und zu sagen: ,Herr, wie es dir gefällt und wie du weißt, habe Erbarmen.' Seid ihr in Bedrängnis, so sagt: .Herr, hilf.' Er weiß, was euch nottut, und er wird sich eurer er­barmen.«

6. Johannes Chrysostomus (gest. 407)

Chrysostomus verweist, um das Gebet bei Nacht hervorzuheben, auf David und Paulus: »Selbst der selige David, zugleich König und Prophet, der durch viele Geschäfte bedrängt war, sagte den­noch: ,Um Mitternacht bin ich aufgestanden, um dich zu preisen wegen der Gerichte deiner Gerechtigkeit' (ps 118,62) ... Nun sieh auch den Lehrmeister des Weltalls, wie er, im Gefängnis einge­sperrt und die Füße im Holzpflock eingeschlossen, zusammen mit Silas die ganze Nacht betete, wie ihn weder Schmerz noch Fes­seln abhielten, sondern er nur noch eine größere und wärmere Sehnsucht nach dem Herrn an den Tag legt! Es heißt: .Paulus und Silas beteten und priesen Gott um die Mitternacht' (Apg 16,24f).«

7. Sulpicius Severus (gest. um 420)

Sulpicius Severus berichtet in der Vita des hl. Martin, daß der hl. Martin ohne Unterbrechung, bei jeder Gelegenheit gebetet hat und stellt ihn als Vorbild hin: »Keine Stunde, kein Augenblick ver­strich, wo er nicht dem Gebete obgelegen oder mit Lesung sich beschäftigt hätte. Doch wenn er auch las oder sonst mit einer Ar­beit beschäftigt war, ließ sein Geist nie vom Gebete ab. Wie ein Schmied bei seiner Arbeit immer wieder den Hammer zu seiner Erleichterung auf den Amboß fallen läßt, so betete Martinus ohne Unterbrechung, auch wenn er anscheinend etwas anderes tat.«

8. Augustinus (gest. 430)

Augustinus betont, daß das Entscheidende beim immerwährenden Gebet die Sehnsucht nach Gott ist: »Und was will darum auch das Wort des Apostels: .Betet ohne Unterlaß' anderes besagen, als daß man das glückselige Leben, das kein anderes als das ewige ist, ohne Unterlaß von dem, der es allein zu geben vermag, mit Sehn­sucht erwarten müsse? Immer also wollen wir dieses von Gott erwarten, immer darum bitten.«

Augustinus spricht sogar von »Pfeilgebeten«: »Wie man sagt, ver­richten die Brüder in Ägypten zwar häufig Gebete, aber sie sollen ganz kurz, gleichsam Pfeilgebete sein, damit nicht die sorgfältig erweckte Herzensandacht, die dem Beter vorzüglich notwendig ist, durch zu lange Dauer dahinschwinde und ihre Kraft verliere ... Ferne sei vom Gebete vieles Reden, aber es fehle nicht an vielen Bitten, wenn der Eifer der Andacht fortwirkt. Denn viel redet man, wenn man beim Gebet das, was uns notwendig ist, mit über­flüssigen Worten erörtert. Man bittet aber viel, wenn man mit an­dauernder und frommer Herzensregung sich an jenen wendet, zu dem wir beten. Denn dieses Geschäft wird meistens besser mit Seufzern als mit Worten, besser mit Weinen als mit Reden betrie­ben.« Nach dieser kurzen Darlegung des immerwährenden Gebe­tes bei den Vätern sind vielleicht die Darlegungen Cassians ver­ständlicher. Es war jedenfalls besonders unter den Mönchen ein deutliches Suchen spürbar, wie das immerwährende Gebet ver­wirklichbar ist.  

 

III. 0 Gott, komm mir zu Hilfe; Herr, eile, mir zu helfen. (ps 69,2). Das immerwährende Gebet bei Johannes Cassianus

Das immerwährende Gebet wurde ganze entschieden beeinflußt von Johannes Cassianus (360—430/35). »Cassian ist viel zuwenig bekannt. Er ist einer der bedeutsamen Vermittler zwischen Ost und West. Er berichtet in großem Stil über Mönchtum und Stun­dengebet. Seine Anregungen und Einrichtungen sind heute noch lebendig«. Jedem Christen, der Brevier betet, ist der Eingangsvers bekannt: »O Gott, komm mir zu Hilfe; Herr, eile, mir zu helfen« (ps 69,2). Leider ist dieser Vers beim Beter so sehr im automati­schen Ablauf des Chorgebetes verwurzelt, daß man kaum noch weiß, woher eigentlich dieser wunderbare Einleitungsvers kommt. Es soll deswegen Johannes Cassianus selbst zu Wort kommen: »So muß euch nun auch eine Formel der geistlichen Schau über­geben werden, auf die ihr immer fest euren Blick heftet, wodurch ihr lernt, sie in ununterbrochener Stete heilsam zu erwägen, oder durch deren dauernden Gebrauch und Betrachtung ihr zu höherer Sicht aufsteigen könnt.«

Die Formel wird nur ganz wenigen, wahrhaft Dürstenden anver­traut.

»Als Formel der von euch gesuchten Gebetsweise wird euch jene gereicht, die jeder Mönch, der nach dem steten Gedanken an Gott strebt, wenn aller Gedanken Mannigfalt gestorben ist, in unabläs­siger Herzenserwägung zu üben pflegt; denn ohne von aller leibli­chen Besorgnis gelöst zu sein, kann er sie keinesfalls bewahren. Wie diese Formel uns von den wenigen, die von den ersten Vätern übrigblieben, überliefert worden ist, so wird sie auch von uns nur ganz wenigen und den wahrhaft Dürstenden anvertraut. Um das ständige Denken an Gott zu besitzen, soll also unabwendbar vor euch das fromme Gebetswort stehen: 0 Gott, komm mir zu Hilfe; Herr, eile, mir zu helfen (ps 69,2)«.

Wer seinen Beschützer in jeder Lage anruft, ist überzeugt, daß er immer gegenwärtig ist.

»Nicht zu Unrecht wurde nämlich dieser Vers aus dem ganzen Rüstzeug der Schriften ausgewählt. Denn er nimmt alle Regun­gen, deren die menschliche Natur fähig ist, in sich auf und paßt sich jeder Lage und Begebenheit ganz entsprechend an. Gegen alle Gefahren hat er die Anrufung Gottes. Er hat die Demut des frommen Bekenntnisses wie die Wachsamkeit der Sorge und im­merwährender Furcht. Er hat die Betrachtung der eigenen Ge­brechlichkeit, das Vertrauen auf Erhörung und die Zuversicht auf immer gegenwärtigen und daseienden Schutz. Wer nämlich sei­nen Schützer stetig anruft, ist überzeugt, daß er immer gegenwär­tig ist. Er hat die Glut der Liebe und Minne, die Beobachtung der Nachstellungen und die Furcht vor den Feinden, von denen er sich Tag und Nacht umringt sieht, und daher bekennt er, daß er ohne die Hilfe seines Verteidigers von ihnen nicht frei werden kann...«

Immer, in widrigen und freudigen Dingen, brauchen wir Gott als Helfer

»Der Vers mahnt, in geistlichem Fortschritt und in der Herzens­freude uns keinesfalls wegen des glücklichen Zustandes zu über­heben oder aufzublasen, da wir ihn nach seinem Zeugnis ohne Gott als unseren Beschützer nicht festzuhalten vermögen. Darum fleht er ihn nicht nur für immer, sondern auch um eilige Hilfe an. Darum sage ich, daß dieser Vers sich jedem von uns, wessen er auch immer bedürftig sei, als notwendig und nützlich erweist. Denn wer sich immer und allenthalben Hilfe ersehnt, der tut kund, daß er nicht allein in widrigen und traurigen Dingen, sondern ebenfalls in günstigen und freudigen gleicherweise Gottes als sei­nes Helfers bedarf, damit dieser ihn aus den einen entrinnen und ebenso in den anderen verweilen mache. Er weiß ja, daß in kei­nem von beiden die menschliche Gebrechlichkeit ohne seinen Beistand besteht.« Aus den 15 Beispielen von Anrufen bei Johan­nes Cassianus seien nur drei ausgewählt: »Wenn der Schlaf mei­nen Augen geraubt ist, und ich mich in vielen Nächten durch die vom Teufel verursachte Schlaflosigkeit erschöpft sehe, und alle Erquickung nächtlicher Ruhe von meinen Lidern fern ist, so muß ich mit Stöhnen beten: 0 Gott, komm mir zu Hilfe; Herr, eile, mir zu helfen.

Stehe ich noch im Kampf mit den Lastern, und es sticht mich plötzlich der Kitzel des Fleisches und versucht den Schlafenden mit schmeichelnder Lust zur Zustimmung zu ziehen, dann muß ich, damit nicht das wild auflodernde Feuer die süß duftenden Blüten der Keuschheit versehre, rufen: 0 Gott, komm mir zu Hilfe; Herr, eile, mir zu helfen. Fühle ich den Reiz der Lust erlo­schen und den geschlechtlichen Brand in meinen Gliedern erkal­tet, so muß ich, damit diese erworbene Tugend oder vielmehr die Gnade Gottes in mir länger und immerfort verharre, voll Eifer sprechen: 0 Gott, komm mir zu Hilfe; Herr, eile, mir zu helfen.«

Immer, selbst in der äußersten Notdurft des Leibes, so// der Psalmvers gebetet werden.

»Das Gebet dieses Verses soll also mit unablässiger Stete gepflegt werden bei Widrigem, damit wir errettet werden, bei Günstigem, damit wir bewahrt werden und uns nicht überheben. Die Anwen­dung dieses Verses, sage ich, soll ununterbrochen in deinem Her­zen erwogen werden. Laß nicht ab, ihn bei jeglichem Werk oder Dienst und auch auf dem Wege zu beten. Pflege ihn beim Schla­fen und Essen und in der äußersten Notdurft des Leibes.«

Die heilsmächtige Formel säubert von Lastern und führt zur himmlischen Schau.

»Dieses Erwägen im Herzen wird dir wie eine heilsmächtige Formel sein und wird dich nicht nur unverletzt vor allem dämoni­schen Ansturm behüten, sondern dich auch von allen anstecken­den Lastern des Irdischen säubern und zu der unsichtbaren himm­lischen Schau hinführen und dich auch zu der unsagbaren und nur von wenigen erfahrenen Glut des Gebetes hinreißen. Wenn du diesen Vers im Innern pflegst, mag dich der Schlaf überkommen, wenn du nur am Ende, durch seine unablässige Übung geformt, ihn auch im Schlafe zu beten gewöhnt bist.«

Immer soll man diesen Vers vor Augen haben, bei allem Werk und Tun.

»Er soll dir beim Gewecktwerden zuerst einfallen, beim Erwa­chen nehme er alle Gedanken vorweg. Bist du vom Lager aufge­standen, so mag er dich zur Kniebeugung geleiten und von da zu allem Werk und Tun. Er begleite dich zu jeder Zeit. Ihn sollst du im Innern pflegen nach dem Gebote des Gesetzgebers, magst du nun zu Hause sitzen oder auf dem Wege gehen, schlafen oder auf­stehen. Ihn sollst du auf Schwelle und Tür deines Mundes schrei­ben. Ihn bringe an die Wände deines Hauses an und im Inneren deines Herzens, so daß, wenn du zum Gebete niederfällst, er dein Gebet auf den Knien sei, und stehst du sodann auf und begibst dich zu allen notwendigen Lebensbeschäftigungen, so werde er dir das aufrechte und stete Gebet.«

 

IV. Das immerwährende Gebet des Johannes Cassianus — eine Hilfe für uns

1. Inhalt und Auslegung von Psalm 69

Der Psalmvers: »O Gott, komm mir zu Hilfe; Herr, eile, mir zu helfen« ist der zweite Vers des Psalmes 69. Dieser Psalm ist mit nur wenigen textlichen Varianten in Psalm 39,14—18 überliefert. Beim Psalm 69 handelt es sich wohl um ein selbständiges Lied, das an Psalm 39,1 —13 angehängt worden ist. Der Psalmsänger nennt sich selbst elend und arm. Er gehört also zur Gruppe der Schutzsuchenden, die im Heiligtum ein Privileg des Heiles genießen. Der Hilfeschrei in Vers 2 läßt erkennen, daß der Beter des Psalms in höchster Todesgefahr schwebt und in den Asylbereich der heiligen Stätte flieht.

2. Auswirkungen auf das Gebet der Kirche

Die Ausführungen des Cassianus über ps 69,2 waren wohl für den hl.Benedikt so eindringlich, daß er in seiner Regel Kap. 17 vorschrieb, daß dieser Vers an den Anfang von Hören kommt. »Zur Prim singe man drei Psalmen einzeln, das heißt, nicht unter einem Ehre sei. Nach dem Vers Gott, merk' auf meine Hilfe den Hymnus dieser Gebetszeit, bevor man die Psalmen beginnt.« . Im 18. Kapitel heißt es nochmals: »Zuerst singe man den Vers: Gott, merk' auf meine Hilfe; Herr, eile, mir zu helfen, Ehre sei; dann der Hymnus der einzelnen Gebetszeit.«

Bereits zur Zeit des Walafrid Strabo scheint sich die Anordnung Benedikts schon allgemein durchgesetzt zu haben (Buch De rebus ecciesiasticis, cap. 25).

3. Das Ideal des immerwährenden Gebetes

Häufig muß man bei sich feststellen, daß man »unandächtig« betet; beim immerwährenden Gebet wäre — nach Meinung Vieler — diese Gefahr vergrößert. Es fragt sich, ob man — ganz gleich welche Tätigkeit man ausübt — immer in vollem Bewußtsein bei einer Tätigkeit sein kann. Wenn ich z.B. ein ganz bestimmtes Ziel zu Fuß erreichen will, dann muß ich nicht ständig mein Bewußtsein auf den mechanischen Ablauf des Gehens richten oder in jedem Augenblick nur mein Ziel im Sinn haben, und trotzdem bin ich auf dem Weg zu meinem Ziel hin. Wer das immerwährende Gebet pflegt, wird feststellen, daß er sich manchmal ertappt, daß er scheinbar »unbewußt« den Psalmvers spricht, und auf Grund des »scheinbar mechanischen« Ablaufs der Worte seinen Sinn wieder ganz bewußt auf Gott ausrichtet, da wir ja auf Gott hin unterwegs sind. Die Heilige Schrift mahnt uns jedenfalls: »Betet ohne Unterlaß« (1 Thess 5,17). Sicherlich gibt es über das immerwährende Gebet verschiedene Meinungen. Ein Urteil sollte man erst fällen, wenn man das Gebet schon lange im Herzen gebetet hat. Man kann viel über Liebe schreiben, etwas anderes ist es, wenn man Liebe im Herzen erfährt und still wird. Welche Kraft und Süßigkeit dieses Gebet m jeder Lage unseres menschlichen Lebens in sich birgt, können Sie durch ständiges Üben selber erfahren. Die Väter beschreiben dieses innere Glück des Menschen in dem Bild eines wiederkäuenden Tieres: Siehst du nicht die Zufriedenheit auf seinem Gesicht über dieses angenehme empfinden strahlen?

Dr. P. Bernhard Sirch OSB

 

Der Artikel ist eine Kurzfassung des Artikels: Bernhard Sirch: Deus in adiutorium meum intende , Psalmenmeditation und Psalmodie im Zusammenhang mit dem monastischen Ideal des immerwährendes Gebets (1Thess 5,17), der in der Festschrift für meinen Doktorvater Prof. Dr.Dr.Walter Dürig, hrsg. von der Professoren Hansjakob Becker und Rainer Kaszynski erschienen; bei dieser Festschrift arbeiteten 68 Wissenschaftler mit. Auf Grund der Nachfrage erschien der Artikel 1983 im EOS Verlag (ISBN 3 88096 159 X) als Kleinschrift. Vor mir liegt dieses Büchlein in 4. Auflage 1993. In dieser Auflage sind alle lateinischen Zitate übersetzt, so dass es jeder lesen konnte. (NB diese Kleinschrift wurde als erste Schrift nach einem Patent des Autors (Patentschrift des Deutschen Patentamtes Nr. DE 3401586 C2) hergestellt. Mit diesem Patent konnte der Autor das Monastische Stundenbuch für die deutschsprachigen Benediktiner anstelle von DM 75.- um 21.- DM, bzw. 25.- DM ausliefern. Die Kostenersparnis belief sich auf weit über 1 Million DM). Der Artikel erschien auch in gekürzter Form in der Deutschen Tagespost und als 8seitiges Heft (A 5) im EOS Verlag. In dieser Fassung ist es noch beim Autor (A 6215 Achenkirch 386) erhältlich.

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